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Faszinierend, wie eigentümlich sind die Filmchen auf Youtube, die aus einer Aneinanderreihung von täglichen Selbstporträts bestehen, die über Jahre aufgenommen, einen im Zeitraffer ablaufenden Lebensfilm ergeben. Daumenkino der Vergänglichkeit.

Zwischendurch gibt es immer wieder lustige, weil überraschende Momente, wenn z.B. ein Bart plötzlich verschwunden ist, oder, wenn aus einer Langhaarmatte eine Kurzhaarfrisur wird.

Trotz der Kurzweil der Bilderfolge, denke ich daran, das hinter solcher Veränderung oft der Wunsch steht, das Ende einer schwierigen Lebensphase auch optisch zu markieren.

Als ich vor Jahren in Barcelona erwachte, nachdem ich am Vorabend entschieden hatte auf Nimmerwiedersehen abzureisen, blickte ich in ein frisch rasiertes Gesicht, dessen freigelegte, blasse Züge mir kantig und starr wie die eines Nussknackers erschienen.

Eines unserer Lieblingsspiele war es gewesen, Gegensatzpaare zu bilden. Liebe-Tod. Glück-Leere. Schokolade-Senf. Bei „Bart“ konnten wir uns nicht einigen. „Clarity“ war seine, „Gilette“ meine Idee.

Wir hatten wohl beide recht.

Merkwürdig traurig macht mich ein Video auf youtube, bei dem Eltern ihre kleine Tochter vom Windelalter, über einen Zeitraum von 4 Jahren geknipst, und diese Privataufnahmen schließlich ins Netz gestellt haben. Das Kind lächelt nie und scheint mit blicklosen Augen in seinem wehrlosen Kindheitskokon erstarrt.

Ob es sich irgendwann darüber freuen wird, dass Tausende Menschen weltweit die Dokumentation seiner frühkindlichen Entwicklung verfolgen durften?

Es ist drei Uhr nachts. Ich kann wieder nicht schlafen. Im Fernsehen läuft eine Sendung über den Lagerarzt von Auschwitz, Josef Mengele, dessen besonderes Interesse der Zwillingsforschung galt. Überlebende berichten von seinen Grausamkeiten, den bestialischen Menschenversuchen, die der stets adrett gekleidete, arienpfeifende Mediziner mit äußerster Kälte und wissenschaftlichem Eifer durchgeführt und akribisch dokumentiert hat.

Zwischendurch immer wieder Aufnahmen aus dem Konzentrationslager.

Das Tor, einfahrende Züge, die Rampe, Sträflingskleidung, ausgemergelte Menschen, von Tod und Verzweiflung gezeichnet.
In einer Baracke liegen Todgeweihte in ihren Stockbetten.

Mein Blick bleibt an einer alten Frau hängen, deren Augen unbeteiligt ins Nichts zu starren scheinen, und mich dabei auf unerklärliche Weise an das Kind auf Youtube erinnern.

Ich schalte das Licht an.

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