Wofür man steht

Es ist Mittag, die Sonne scheint und mein Hund möchte sich die Beine vertreten. Immer nur Mariannenplatz ist frustrierend wie Kasernenhof, weiter geht es zum Engelbecken.
Aus der Entfernung höre ich das vertraute Flap-Flap-Flap eines Helikopters.
Ein Polizeihubschrauber steht mit wummernden Rotorblättern am Himmel.
Mit jedem Schritt, den wir uns dem Engeldamm nähern, schwillt der Lärm an, bis er sich zu einem ohrenbetäubenden Knallen verdichtet, das sich mit Wucht in den Gehörgang drückt.
Töle schaut zu mir hoch und läuft geduckt weiter.
„Köpi,“ denke ich, „er steht genau auf Höhe der Köpi am Himmel.“ (http://www.koepi137.net/koepi.htm)
Wegen des Baus einer weiteren Eigentümer-Residenz, ist die Adalbertstraße an der Ecke zum Engeldamm seit Monaten für den Verkehr gesperrt. Das jahrzehntelang freistehende Eckgrundstück wird nun auch erschlossen.
Im vergangenen Frühjahr standen auf dem zugewucherten Gelände noch zahlreiche, wild gewachsene Ahorn- und Essigbäume. Im Schutze des Geästs zog hier ein Mäusebussard-Pärchen seine Jungen auf. Ihre unverkennbaren, fordernden Rufe waren weithin zu hören.
Ich unterdrücke meinen Impuls die Route zu ändern und Richtung Köpenicker Straße abzubiegen. Töle will ans Wasser. Das soll sie.
Wir nehmen den Weg durch den, mit Werbung zugeklebten Brettergang vor der Baustelle, als mir im Vorbeigehen eine Reihe nebeneinander platzierter Plakate ins Auge fällt.
Vor weißem Hintergrund ist jeweils ein fünfzackiger, bunt ausgemalter Stern und daneben ein ebenso koloriertes „größer-als“ Zeichen (>) zu sehen. Die Farbgebung und Ausgestaltung der beiden Symbole variiert von Plakat zu Plakat, ebenso wie die Beschriftung.

Pro Kreuzberg ist das eine betitelt, Pro Neukölln das Nächste. Weiter geht’s mit Pro Friedrichshain und Pro Köpenick.

Warum denn nicht gleich Pro Deutschland, denke ich, und frage mich, wer da so überaus fancy wie auch blöde wirbt.
Ich muss daran denken, wie ich vor Jahren, anlässlich der Berlinale in den Potsdamer-Platz-Arkaden unterwegs war. Ein Shop im Souterrain bot eine rosafarbene Miniaturtasche, im Stile einer Retro-Sporttasche von Adidas an, auf der  München 1972 stand. Wie kommt so etwas zustande? Gibt es da niemanden in der Werbeabteilung von adidas, der das Stichwort wenigstens ein einziges Mal durch Google laufen lässt, um zu sehen, was an erster Stelle damit asoziiert ist?

https://www.google.de/search?q=m%C3%BCnchen+1972+&ie=utf-8&oe=utf-8&aq=t&rls=org.mozilla:de:official&client=firefox-a

Mein Begleiter war so entgeistert, dass er die Verkäuferin fragte, ob sie denn auch auch das Modell Dachau 1943 da habe.
Leider nein, wir sollten aber unbedingt mal beim Flagstore nachfragen. Wenn jemand das im Sortiment habe, dann die.
Viel später am Tag sitze ich Zuhause und suche Im Netz nach der Plakataktion.

Unter http://skateboardmsm.mpora.de/news/converse-pro-streets.html finde ich die Erklärung:

„Mit seiner pan-europäischen Aktion „PRO STREETS“ sucht Converse den kreativsten Stadtteil Europas. (…) Ab dem 20. August 2012 wird Converse „PRO STREETS“ in sechs der größten Städte Europas (…) den kreativsten Kiez suchen. Die Berliner Bezirke Kreuzberg, Friedrichshain, Neukölln und Köpenick messen sich dann mit Stadtvierteln aus London, Paris, Madrid, Amsterdam und Mailand.
Vor Ort wird dazu aufgerufen, zu zeigen, was den eigenen Kiez so besonders macht. Von Skateboarding bis Basketball, von Urban Art bis Musik –alles ist erlaubt. Hauptsache es macht deutlich, wer dahinter steckt und wofür man steht(…).“
Das Internet gibt mir auch die Antwort darauf, was in der Köpenicker Straße los war.
Vor dem Hausprojekt Köpi 137, hatten sich etwa 150 Menschen versammelt, um gegen eine Veranstaltung von Pro Deutschland zu demonstrieren, die vor Berliner Moscheen gegen Islamismus defilierten. Die rechtspopulistische Bewegung trug bei ihrer Tour Mohammed-Karikaturen vor sich her. Diese zu zeigen, war am Vortag der Veranstaltung vom Berliner Verwaltungsgericht im Rahmen der Kunstfreiheit genehmigt worden.
Alles ist erlaubt. Hauptsache es macht deutlich, wer dahinter steckt, und wofür man steht.
Ein paar Tage später lese ich auf der Homepage von pro-Deutschland folgendes:
„Als Reaktion auf die pro-Deutschland-Kundgebungen in Berlin ist in Kairo ein offenbar geisteskranker Islamist ausgerastet.
Der Mann stürmte in die deutsche Botschaft und schoß mit einer Spielzeugpistole um sich. Außerdem versetze er die anwesenden Menschen mit Pyrotechnik und nicht funktionierenden Nagelbomben in Angst und Schrecken. Zur Begründung verwies er nach seiner Festnahme darauf, für ihn sei das Zeigen der Mohammed-Karikaturen in Berlin am vergangenen Wochenende unerträglich gewesen.
Er führte den Angaben zufolge Artikel aus der ägyptischen Tageszeitung „al-Ahram“ vom 17. August 2012 mit sich, die berichtete, daß die Berliner Verwaltungsgerichte das Zeigen der Karikaturen erlaubt hatten. Daraufhin beschloß er offenbar einen Racheakt.
Verletzt wurde bei dem Amoklauf niemand.“
Wie war das? Alles ist erlaubt. Hauptsache es macht deutlich…

Danke, Converse.

Ein Kommentar zu “Wofür man steht

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