Es geht voran

Bald wird es dunkel, und für einen ausgedehnten Spaziergang im Tiergarten sind wir spät dran. 
Schnell die dicke Jacke angezogen, Schal umgeworfen, Schlüssel geschnappt und zack, zack, zack 
aus dem Haus gestürzt. 
Töle spürt die Eile. Sie senkt den Kopf ein wenig und trabt konzentriert neben mir her.
Mariannenstraße, Schillingbrücke, Koppenstraße.
Am Ostbahnhof angekommen, hetze ich durch die ausgestorbene Minerva-Passage und blicke nach rechts.
Die Postfiliale bietet zwar keinen Geldverkehr, dafür aber Zigarren an, die neben dem Eingang in Humidoren aufbewahrt werden. Erstaunlich. 
Der Sandwich-Laden mit den passablen Thunfisch-Stullen ist schon wieder ausgezogen. Sein Vormieter Subway hat den zweiten Anlauf genommen hier Fuß zu fassen. 
Wie früher, ist der Laden auch heute wieder gähnend leer. 
Nicht die richtige Ecke für belegte Weißmehl-Produkte. Die Konkurrenz durch Mc Donalds und Backwerk in der Haupthalle ist einfach zu groß. 
Um dem lukullischen Elend die Krone aufzusetzen wird wahrscheinlich 
Dunkin Donuts als nächstes hier eröffnen.
Ein im Mittelgang aufgebauter Pavillon verkauft neben Filzpantoffeln, Schals mit Leopardenprint, bunten Socken und Moonboots auch Plüschhausschuhe in vielfältigen Ausführungen: Riesen-Chucks, Welpen, Ferkel, Drakulaköpfe, Tigertatzen, Bärenpranken usw.
Ich stelle mir vor, wie die glückliche Kundin Puschen für sich und ihren Partner erwirbt, die die beiden fortan in ihrer Freizeit tragen werden. 
Die Dame des Hauses trägt die Ferkel zur rosafarbenen Jogginghose mit silbernen Seitenstreifen. Der Gatte kombiniert die Raubtierfüße mit der legeren, tiefsitzenden Sweat-Hose in hellgrau.
Der Gedanke gefällt mir, und während ich mir den Alltag des Pärchens, zwischen RTL, festen und flüssigen Kohlenhydraten, sowie Lexmaul-Tuning ausmale, sehe ich mein Spiegelbild in einem Schaufenster.
 Abrupt bleibe ich stehen.
 „Nein!“ 
Töle schaut mich an und gähnt verlegen. 
„Gibt´s doch nich!“
 Der Hund macht Sitz.

Zur schwarzen Hose und schwarzen Schürstiefeln trage ich tatsächlich eine rote Jacke mit gelbem Schal und gelber Kapuze, und sehe aus wie eine Deutschlandfahne. Schwarz, rot, gelb.
 Dass ich das nicht schon Zuhause gemerkt habe! 
Ob ich mir rasch etwas anderes zum Anziehen kaufe? 
In der Haupthalle gibt es einen Fanshop für Hertha BSC und die Berliner Eisbären. 
Die Fanartikel in XXXL sind zu blau, zu geräumig und sowieso nicht mein Fall. 
Ansonsten steht noch der Modevertrieb von Frau Pooth zur Auswahl.
 Der Preis für den Billigramsch ist mir zu hoch. Hungrige Kinder nähen nicht besonders gut.

Aber in diesem Flaggenlook durch die ganze Stadt?
 Dann lieber mit Drakula-Puschen in die S-Bahn steigen, einen Haarreif mit blinkenden Teufelshörnern aufsetzen und den Hund Männchen machen lassen.
 Wahrscheinlich würde sich Töle in meine Plüschfüße verbeissen und totschütteln spielen.
 Die Mitreisenden würden sich freuen, ihr lächelnd den Kopf tätscheln, die Mini-Pizza 
mit ihr teilen und mir ein paar Kupfermünzen vor die Füße werfen.


Ich beschließe meine Pläne zu vertagen und nach Kreuzberg zurück zu kehren.

Der Abwechslung halber gehen wir heute an der East- Side- Gallery entlang, Richtung Oberbaumbrücke, um torkelnde Touristen (TT) zu gucken.
 Der von Künstlern gestaltete Überrest der Berliner Mauer mit seiner naiv-düsteren Achtziger-Jahre-Ästhetik ist auch heute wieder ein Magnet für die Besucher der Stadt.
 Besonders beliebtes Fotomotiv, ist das Bild der in Ketten gelegten Friedenstaube. 
Ganze Gruppen bleiben davor stehen und lassen sich ablichten, ehe sie sich einen Original-DDR-Stempel in ihren Reisepass drücken lassen.
 Ohne nach links und rechts zu schauen laufen sie kreuz und quer (TT) und schrecken verstört beiseite, als ich versuche mir mit einem „Achtung!“ den Weg durch die Menge zu bahnen.

Wahrscheinlich schüchtert sie der Nationalfahnen-Aufzug, gepaart mit meiner harschen Aufforderung und dem Hund an meiner Seite, hier im ehemaligen russischen Sektor so sehr ein, dass sie beinahe glauben, die Mauer stünde noch und jeden Moment käme ein Volkspolizist sie zu verhaften, in düstere Stasi-Gefängnisse ab zu transportieren und wochenlang gnadenlos verhören zu lassen.

Direkt hinter der East Side Gallery fließt die Spree. Sie bildete die natürliche Grenze zwischen Ost- und West-Berlin.
 Bis 1989 patrouillierten hier die Grenzposten der DDR.

„You are entering a world of pain“  hatte um die Jahrtausendwende ein anonymer Sprayer in riesigen, kunstvollen Lettern dort auf die Mauer gesprüht.
 Schade, dass das Graffito übertüncht wurde.
 Heute finden sich hier nur ein paar geistlose Kritzeleien und die üblichen Tags.

Ich erinnere mich an die Werbung für ein Sprachinstitut, das Anfang der 90er Jahre Deutsch als Fremdsprache anbot „Learn German, as quick as you can spell reunification“. 
So schnell, wie sie buchstabiert und beschlossen war, hat sich die Wiedervereinigung nicht vollzogen. 
Auch nach über 20 Jahren, werden in den Neuen Bundesländern noch niedrigere Löhne gezahlt, als in den Alten.

Gleich sind wir an der Oberbaumbrücke. Im Lärm der riesigen Kreuzung zwischen Friedrichshain und Kreuzberg stehen ratlose Besucher der Stadt und studieren einen Reiseführer.
 Mit Hund wird man sofort als Einheimische identifiziert, und natürlich fragen sie mich nach einem der unzähligen Hostels, deren Namen ich noch nie gehört habe, weil sie mich naturgemäß nicht interessieren.

Als wir die schönste aller Berliner Brücken Richtung Süden überquert haben, biegen wir rechts ab ans May-Ayim-Ufer, und befinden uns jetzt auf der gegenüberliegenden Seite der East-Side-Gallery.
 Zur Kolonialausstellung wurde dieser Uferabschnitt ab 1891 ordentlich aufgehübscht. (Ausgerechnet hier spaziere ich jetzt in den deutschen Nationalfarben mit frisch gewaschenem weißen Hund entlang!) 
Die Doppel-Kaianlage ist eine Besonderheit. Anstelle des Leuchtturmes von damals, steht dort seit zwei Jahren die Signalkugel einer Berliner Künsterin.

Nach der Teilung Berlins verlief hier die Sektorengrenze, wobei die Spree in voller Breite zu Ost-Berlin gehörte. 
In den sechziger und siebziger Jahren wurden hier nicht nur die Menschen erschossen, die versuchten über den Fluss in den Westen zu gelangen. Es ertranken auch einige West-Berliner Kinder, weil den Rettungskräften jedes Eingreifen durch die Grenztruppen der DDR untersagt war.
 Später wurden Wasserunfallmelder aufgestellt die den DDR-Grenzposten optische und akustische Signale gaben, um (auf gleiche Weise) eine Ausnahmegenehmigung für die Rettung eines Ertrinkenden zu erhalten. 
Um weitere Kinder vor dem Sturz ins Wasser zu bewahren wurde oberhalb der Uferböschung enger Maschendraht gespannt.
Ein Teil davon steht heute noch. Löchrig durch die Jahre, wird auch er in Kürze dem neuen Anstrich des Modebezirks Kreuzberg weichen.

Man fängt an um die merkwürdigsten Dinge zu trauern, denke ich, als ich nach Hause trotte und an den leerstehenden Räumen der ungeliebten kleinen Schlecker-Filiale auf der Köpenicker Straße vorbei komme.
 In der Wrangelstraße werden die letzten Häuser saniert und selbstverständlich in Eigentumswohnungen umgewandelt. 
Wir warten gespannt auf den Einzug der neuen Nachbarn.
 Wer wird wohl als erstes gegen den, in der Markthalle beheimateten Privatclub klagen, und dessen Schließung erzwingen? 
Wieso sollte es hier in Kreuzberg anders laufen, als am Prenzlauer Berg? 


Sogar der traditionsreiche Knaack-Club, der immerhin 59 Jahre durchgehalten hat musste dem Druck der zugezogenen, neuen Eigentümer weichen. 
Der Magnet Club ist aus dem gleichen Grund nach Kreuzberg umgezogen; das Icon hat ganz dicht gemacht.
 Als im vergangenen Jahr der Club der Republik schließen musste, hing man kurzerhand ein Transparent aus dem Fenster, das mir gut gefallen hat.

Club der Republik

Zuhause angekommen schlägt mir eine Rauchwolke im Treppenhaus entgegen. Es stinkt auch wieder nach Pisse, und missmutig kicke ich die Scherben auf dem Boden beiseite, ehe Töle sich etwas eintritt.


ARF- Asoziale Radikale Ficker,

lese ich, als ich die Tür aufschließe . 


Kreuzberg 36, auf den Rest den scheiss ich!

steht darunter, ergänzt von

Fick die Welt

und


FUCK SYSTEM .

Daneben ein Fleck getrockneten Blutes.

Auch um diesen Schmutz und Gestank werde ich wohl eines Tages trauern, wenn endlich die letzte Eigentumswohnung verkauft ist. 


Mir graut vor dem Moment, in dem ein Gebäudereiniger sein Gerüst hier aufbaut und ich schriftlich dazu aufgefordert werde mich an der Planung zur Luxussanierung zu beteiligen.

Solange es hier so aussieht werde ich wohl noch ein bißchen bleiben können, bis die Gentrifizierung auch über mir zusammenschlägt wie eine große Welle.

2 Kommentare zu “Es geht voran

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