Verschallen

Kurz vor Weihnachten schlimme Nachrichten.

die Glocke im Glockenturm, der Stephansdom (Wien)

die Glocke im Glockenturm, der Stephansdom (Wien) (Photo credit: baerchen57)

Ein Mensch, der mir sehr nahe steht ist plötzlich schwer erkrankt, liegt in der Klinik, muss schließlich auf Intensivstation verlegt werden, erhält Sauerstoff.
Wir sprechen sogar über den Tod. Was, wenn alles vorbei wäre?
Ich bekomme es mit der Angst zu tun. Schwer vorstellbar, dass alles endet.
Dass die Dinge und Menschen die uns umgeben nur ein Blinzeln in der Geschichte sind; dass die Zeit aus Alpen Mittelgebirge, aus Fleisch Asche macht. Unmöglich meinen eigenen Tod oder die Vergänglichkeit geliebter Menschen zu denken unmöglich. Wann immer die Wahrheit durchscheint beängstigt sie mich und raubt mir den Atem. Ich kann nur noch vor laufendem Fernseher einschlafen, erwache nachts durch das bläuliche Flimmern, finde irgendwann Ruhe und schlafe schließlich wie eine Tote, bis die gnadenlose Stadtreinigung mich weckt.
Zahlreiche Untersuchungen, beschissene Blutwerte. Bildgebende Verfahren. Beschissene Bilder. Schlimme Befürchtungen. Hoffen, Bangen. Beschissene Angst.
Medikationsversuche. Nichts schlägt an.
Alle Kegel fallen um. Früher oder später. Auch das Überleben bedeutet nur Aufschub, und doch ist es Alles. Die Ungewissheit ist schwer zu ertragen.
Angehörige von Vermissten berichten, dass sie die Nachricht über den Tod der Verschwundenen besser verkrafteten, als diese Ungewissheit, darüber, was mit ihnen geschehen sein könne.
Nach Tod kommt Trauer, und nur Trauer kann durch das Unglück lotsen um irgendwann wieder Boden unter die Füße zu bekommen.
Wenn Soldaten nicht aus dem Krieg zurück kehrten, wurden sie nach Ablauf einer festgelegten Frist als verschollen erklärt, was auch sämtliche Verträge nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch aufhob. Ein Grabstein konnte gesetzt werden. Witwen konnten wieder heiraten, Kinder wurden Halbwaise. Erben erbten. Alles genau geregelt.

Ich lese, dass das Wort „verschollen“ von dem Verb „verschallen“ stammt. Aufhören zu schallen, verklingen.
Verschollen ist allerdings nur der, über dessen Tod es keine Gewissheit gibt.
Seit einigen Jahren ist der Hinterbliebene Ehepartner (rein rechtlich) nicht mehr verwitwet, sondern geschieden.
Warum das? Hinter einer Scheidung steht doch eine Entscheidung. Witwenschaft hingegen ist ein Schicksal.
Oder wird es als Stigma betrachtet und deswegen umformuliert?
Bekommt der Geschiedene dann auch keine Witwenrente, und darf ein Katholik überhaupt je wieder kirchlich heiraten? Frag den Papst.
Ich schweife ab.
Natürlich will ich nicht diese Art von Gewissheit!
Natürlich wird alles gut werden, weil es muss.

Enhanced by Zemanta

6 Kommentare zu “Verschallen

  1. die seltsame verschollenheitsregelung gilt offenbar in der schweiz, nicht in deutschland. hier ist die überlebende ehefrau verwitwet.
    tja, die vergänglichkeit…“vielleicht ist es sogar schön“ heißt jakob heins buch über den tod seiner mutter.

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  2. Danke für die Korrektur, _frauhase_! Vielleicht ist es sogar schön. Aber genau diese Ungewissheit macht es so schwer damit umzugehen, gerade wenn es sich um einen jungen menschen handelt, der „noch alles vor sich hat“.

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  3. Schöner Text, ts, toll dein Hinweis aufs Verklingen. Laute ersterben übrigens auch, da gibt es eine Beziehung zwischen Leben und Lärmen, offenbar.
    Aber: Niemand weiß jemals, ob er/sie noch alles vor sich hat. Da werden wir ab und an mal dran erinnert durch so eine Geschichte, wie du sie beschreibst. Carpe diem also.

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