Kneipen mit Vintagemöbeln

24 - Valente, Caterina -  Popocatepetl Twist -...

24 – Valente, Caterina – Popocatepetl Twist – D – 1962 (Photo credit: Affendaddy)

In den Fotoalben meiner Eltern sind sie alle zu sehen.  Die gesamte Verwandtschaft. In schmalen Anzügen, lässigen Sakkos, spitzen Schuhen, Etuikleidern oder Petticoats, mit Bienenkorbfrisuren oder Pomade.
Coole Socken, Rock-a-Billy.

Von wegen.

Jedes bürgerliche Muttchen hatte eine Schmetterlingsbrille auf und trug dazu enge Kostüme mit Spitzbrust-BH. Vatti trug drunter ebenso Feinripp, wie der Dad von heute.

Man nippte seine Getränke an einem Nierentischchen, beschienen von Tütenlampen und beschallt von Rock´n`Roll, Catarina Valente oder Bill Ramsey. Peter Kraus war der deutsche Elvis.
Man wählte CDU, denn einen Führer gab es nicht mehr, und in der heimischen Stube spielten sich die gleichen Dramen ab, die sich auch heute im lichten Ikea-Haushalt vollziehen.
Da rollten noch Franken, Dollar, D-Mark und Peseten.

Schön war die Zeit.

Junge kosmopolitische und asien-erfahrene Töchter und Söhne, vor oder nach dem Coming-Out als Lohnsteuerkarteninhaber, huldigen ihr heute gerne in Souterrain-Retromöbel-Kneipen, und drücken ihr dabei einen ganz individuellen, modernen und witzigen Stempel auf.
Ist das
awesome hier! Da wird ja der Fuchs in der Elster verrückt!
Hier in Kreuzkölln mit seinem
Now Kölln Flow Market und den vielen kleinen fancy Galerien.
Androgyne Looks von
close, kombiniert mit Schnäppchen vom Mauerpark-Trödel. Dazu auch Selbstgebasteltes mit Rohstoffen vom Design-Kaufhaus Modulor am Moritzplatz. Im Gesicht ein Horngestell, das Modeschmucklädchen, wie Brigitte Bijou inzwischen als „Nerd-Brille“ verkaufen.
Drunter ultra-gepamperte BHs, die wie Implantate aussehen, weil Brustwarzen auch heute wieder ein No-Go sind, ebenso wie jedwede Körperbehaarung, ausgenommen der allgegenwärtige Jim-Morrisson-Bart.
Und der Soundtrack dazu läuft über das technisch ganz einfach nicht zu toppende
IPhone.

Ich muss an  „Vicky, Cristina, Barcelona“  von Woody Allen denken.

Ist das nicht einfach die Aufschrift auf dem Rücken eines akribisch bebilderten Selbsterfassungs-Fotoalbums, das man vorsorglich anlegt, damit die Kinder und Enkel später einmal sehen können, was man für eine coole Nummer war, ehe man sich den Gesetzen des Marktes beugen musste um Familie und Eigentum zu sichern?

Facebook bietet die Möglichkeit, das Ganze auch einer weltweiten prospektiven Fangemeinde zu präsentieren.

Aber es kommt noch toller. Man kann alles auf einmal haben: sowohl in einer der unzähligen Retromöbel-Kneipen sitzen, als auch mit der Welt da draußen in Kontakt bleiben;
ihr zeigen, wie lustig man es da auf dem Sofa der Großeltern im unverputzten Kellerraum hat,
-und an seiner Biografie von morgen arbeiten.

Cheers!

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