Ameise

Ein Flugzeug der Air Berlin in Stuttgart

Vor einigen Jahren flog ich von Barcelona zurück nach Hause.
Es war November und in Berlin wurde ich auf einer Geburtstagsfeier erwartet.
Während des gesamten Rückfluges versuchte ich mit Telekinese, mit Stoßgebeten, mit meinem ganzen Willen und meinem zerstörerischen Kummer das Flugzeug zum Abstürzen zu bringen.
Ich hoffte inständig dass es wie ein Stein nach unten fallen und dann am Boden zerschellen würde. Keine Überlebenden.
Trotz eines Herbststurmes landeten wir unversehrt in Tegel.
Der große seelenlose Vogel entließ uns Passagiere starr und unbeteiligt in unser trauriges Leben.
Wie aufgezogen bewegte ich mich durch die Stadt. Benommen, die Mimik eingefroren.
Als ich endlich dort ankam, war die Party bereits in vollem Gange.
Ich schlüpfte in eine fremde, leichtere Haut, die ich merkwürdigerweise für diesen Anlass überstreifen konnte. Unter dieser Plane, führte ich unbeschwerte Gespräche, war eloquent, lachte und trank viel.
Später, in meiner Wohnung, schlug das ganze Elend über mir zusammen.
Tagelang vermied ich es meine Reisetasche auszupacken, aus Furcht, dem vertrauten Geruch zu begegnen, den ich nie wieder einatmen würde.
In den nächsten Wochen ging ich nicht an den Briefkasten, schaltete Anrufbeantworter und Mailbox ab, checkte keine Mails und stellte das Telefon stumm.
Wenn ich nach Hause kam und das Mobilteil der Telefonanlage blinkte, klopfte mein Herz bis zum Hals. Mit geschlossenen Augen löschte ich die Anruferliste. Sms entfernte ich ungelesen.
Um auf andere Gedanken zu kommen, buchte ich eine Reise nach Ägypten. Tauchen.
Die Hotelanlage bestand aus vielen Bungalows, die in Fußnähe zum Strand mitten in den Sand gebaut waren. Man hatte Erde aufgeschüttet und eine blühende Oase in der Wüste geschaffen.
Jeden Abend um Punkt 18 h kamen Männer mit weissen Raumfahreranzügen und Tank auf dem Rücken und besprühten die Pflanzen mit Unmengen an Insektiziden. Ich schaute hinter der geschlossenen Terrassentür zu, wie sie mit steifen Schritten durch den tödlichen Nebel stapften. Bis ins Zimmer konnte man das Gift riechen, und ich hatte das Gefühl, dass es augenblicklich tief in meine Haut eindrang und im Inneren schwerwiegende, ireversible Schäden anrichtete.
Eines Abends im Bad, hörte ich die Männer, die im Hotel arbeiteten, streiten. Es klang gefährlich und hasserfüllt, so wie arabisch für meine Ohren oft aggressiv klingt, auch wenn die Sprechenden sich einen schönen Tag wünschen. Beunruhigt stieg ich in die Wanne, als ich eine Ameise entdeckte. Sie war fast durchscheinend, fadendünn, verformt und bewegte sich auf 3 Beinen, strauchelnd wie eine Sterbende, langsam über die Bodenfliesen.
Wie hatte sie es geschafft das Gift zu überleben und in mein Zimmer zu gelangen, oder war sie hier geboren?
Ihr Anblick machte mich traurig.
In der folgenden Nacht bekam ich Schüttelfrost und hohes Fieber, so dass ich den Rest der Reise mit Grippe im Bett lag. Ab und zu schaute ein Arzt nach mir.
Während des gesamten Aufenthaltes habe ich nicht eine einheimische Frau gesehen. Weder am Flughafen, noch im Hotel, ja nicht einmal bei der Fahrt mit dem Shuttlebus. Selbst die Handtuchschwäne auf dem Bett waren von Männerhänden gefaltet worden.
Auch der Rückflug an Silvester verlief komplikationslos. Kein Triebwerkschaden, kein Feuer, kein Absturz.
Die nächsten Monate verbrachte ich in einem Zustand der Abwesenheit. Alles war unwirklich, ich am allermeisten. Einsamer hatte ich mich nie gefühlt.
Noch oft dachte ich an die Ameise.
Irgendwann fing ich wieder an meine Mails zu lesen und das Telefon laut zu stellen.
Ich brauchte niemanden mehr, der den Briefkasten leerte und die Post für mich vorsortierte.
Eingehende oder ausbleibende Briefe erschütterten mich nicht länger.
Eines Morgens erwachte ich und der Spuk war vorbei.
Fünf Jahre später schlossen wir nachts auf einer Baustelle in Barcelona einen Bagger kurz und schaufelten Schutt beiseite.
Bis die Polizei kam und wir das Weite suchten.

Bagger

Bagger (Photo credit: Nico Kaiser

7 Kommentare zu “Ameise

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