3 Farben Kreuzberg

Beim Verlassen des Hauses werfe ich einen Blick auf den Mariannenplatz. Unter grauem Winterhimmel erhebt sich dort das ehemalige Bethanien-Krankenhaus mit seinen beiden spitzen Türmen. Alte Platanen strecken ihre kahlen, gefleckten Äste in die nebligkalte Luft. Der Platz ist öd und leer. Keine Menschenseele unterwegs. Nicht einmal die Hunde von der Wagenburg.

Berlin-kreuzberg bethanien 20050420 p1020601

Mich schaudert. Ich stelle den Kragen hoch, wende mich ab und nehme mit Töle zügig Kurs Richtung Görlitzer Bahnhof.
Es ist 7 Tage vor Weihnachten. Ich bin planlos, ziellos, angespannt.
Wir gehen durch die Manteuffelstraße (mandevil). Rechterhand ein Block 80er-Jahre- Neubauten. Gesichtslos, düster, drückend.
Auf der Ecke zur Skalitzer Straße verursacht die vorgelagerte und eingezäunte Terrasse des Que Pasa einen Fußgängerstau auf dem Gehweg.
Früher befand sich in den gleichen Räumlichkeiten die
Linie 1. Ein verranzter Schuppen aus dessen klappernden Belüftungslamellen es stets nach altem Frittierfett, jauchigem Bier und kaltem Rauch stank und der nach einer Schießerei mit Todesfolge schließen musste.
Unser Weg führt, unter der taubenverdreckten Hochbahn an den hoffnungslosen Junkies und Alkis vorbei, die dort am Treppenaufgang herumlungern und sich gegenseitig anpöbeln oder versuchen den hastenden Passanten entwertete U-Bahntickets anzudrehen.
Jetzt sind wir auf der Wiener Straße. Töle hat verstanden. Direkt neben dem öden Hannibal hat anstelle des erfolglosen kleinen Reisebüros ein neuer, neonheller Imbiß eröffnet. Zum einfacheren Verständnis, und um erst gar keine Gemütlichkeit aufkommen zu lassen, zeigt eine Leuchttafel hinter dem Tresen aus Glas und Chrom, Abbildungen der dort erhältlichen veganen und vegetarischen Leibspeisen an. Auf dem Gehweg, zur Fahrbahn hin, befindet sich ein lang gezogenes, nacktes Beet. Früher wuchsen hier ein paar der üblichen zähen, stadtresistenten Sträucher und Koniferen. Ob sie an der Hundepisse, oder dem Lärm der ausfahrenden Leiterwagen von der Feuerwache nebenan zugrunde gegangen sind?
Mein Blick bleibt an einem seidigschimmernden, braunen Brokatkissen hängen, das dort plüschigprall auf der dunkelbraunen, nassen Erde liegt. Inmitten von großen, sich zersetzenden Hundehaufen. Ich bleibe stehen. Wenige Meter weiter befindet sich die Feuerwache aus den 70er Jahren, deren Außenfassade ebenso in braun gehalten ist. Und natürlich kommt mir Heino, mit seinem Lied der Deutschen in den Sinn:
„Schwarz-braun ist die Haselnuss“
Schwarz-braun bin auch ich.“ Was soll das bloß heißen? Geht es nicht weiter mit: „Schwarz-braun muss mein Mädel sein, gerade so wie ich“?
Ist das die Hymne zum Kameradentreffen?

Töle wittert den nahe gelegenen Park und drängt, derweil ich versuche das Volks-Lied wieder aus dem Kopf zu bekommen. Wieso fressen sich Textzeilen von besonders schlimmen Musikstücken, säureartig für immer, und immer tiefer ins Gehirn, um sich dann in einer Endlosschleife abzuspulen, sobald versehentlich der Auslöseknopf gedrückt wurde?
Mir gruselt vor meiner eigenen zukünftigen Demenz, wenn ich nur noch in Lage sein werde die Belanglosigkeiten aus dem Langzeitspeicher (Säurekammer) meines Hirnstüberls abzurufen, und damit meinen Lieben viel Scham und Verdruß zu bereiten. Um die unwillkommenen Phrasen loszuwerden, muss man ganz ähnlich wie bei Schluckauf vorgehen: mit konzentriertem inneren Tunnelblick entschlossen an etwas anderes denken.
Dieses Mal gelingt es und führt zu einer weiteren Textzeile, die mich bis in die Nacht verfolgen wird:

 „.. and though you hate this song. you’ll be humming it for weeks…“ *

Durch einen der Seiteneingänge zur Wiener Straße betreten wir jetzt lustlos den Park.
Im vergangenen Jahr wurde ein Teil der alten Wege asphaltiert. Dort wo noch ein Erde-Sand-Gemisch und Kopfsteinpflaster den Grund bedecken, haben sich tiefe, matschig- graubraune Pfützen gebildet, die die Passage unbenutzbar machen.
Im Slalom geht es über die lehmigen Rasenreste Richtung Senke. Ein grau-gestromter Windhund-Mischling kommt uns entgegen. Die beiden Hunde begrüßen sich mit Spielverbeugung, jagen über den abschüssigen Rasen, verlieren dann aber schnell das Interesse und wir setzen unseren Weg Richtung Treptow fort. Weiter durch den Park, auf der Trasse des alten Eisenbahndamms.
Es dämmert und die Temperatur zieht deutlich an, so dass ich davon absehe einen Abstecher ins freudlose Treptower Parkcenter zu machen. Es will einfach keine Stimmung aufkommen, an einem der kürzesten Tage des Jahres. Wir kehren um und marschieren schnellen Schrittes zurück.
Das Hühnerhaus am Ausgang zum Lausitzer Platz ist schon von weitem zu riechen. Wegen der herumliegenden Knochenreste muss Töle an die Leine.
Der penetrante, süßlich-würzige Geruch der goldbraunen Broiler lockt Mensch und Tier.  Ja, selbst die Kreuzberger Polizei kann dem nicht widerstehen und hält mit Mannschaftswagenverkehrswidrig in zweiter Reihe. Weil der Rubel rollt, hat das Hühnerhaus letzten Winter expandiert und zusätzlich zum Straßenverkauf die ehemaligen Räume des Restaurant Kattelbach, schräg gegenüber bezogen. Vor dem Eingang des Lokales, hängen die gleichen Trauben roter und gelber Luftballons, wie man sie sonst vor Matratzendiscountern und Döner-Buden findet. Nicht gerade einladend, aber wenigstens ein bisschen bunt, ohne dabei gleich weihnachtlich sein zu müssen.
Ich blicke zu Töle. Nase-auf-dem-Boden, völlig verdreckt, grauer Hund auf grauem Grund, trottet sie gleichmütig neben mir her, an diesem monochromen Wintertag in Kreuzberg Süd-Ost. Zuhause wird sie sich niesend auf dem Boden wälzen, ihre Schnauze am Mobiliar reiben und in Ermangelung eines anderen Hundes sich selbst genügen. Wie beispielhaft und tröstlich.

der hund wischt sich am hund den mund gern ab
nämlich am hund der er nicht selber ist
wenn aber er allein und hund nur selber ist
wischt gern an sich den mund er selber ab

so hält auch gelb sich lieber auf bei blau grau grün rot lila-
steht jedoch nur gelbes
korn vorn vor gelber villa, gelben himmel drüber
ist auch das gelb sich selbst am liebsten lieber.“
(ernst jandl. der gelbe hund)

ich liebe dieses gedicht, und es geht mir seit urzeiten nicht aus dem kopf.
hoffentlich befindet es sich in meiner säurekammer.

* *„Chicken Song“ der Band „Spitting Image“ aus den 80ern

 

 

 

Bild/ Lizenz: Georg Slickers [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)%5D, from Wikimedia Commons

 

9 Kommentare zu “3 Farben Kreuzberg

  1. Oh nein, tiker, so ging es mir gestern mit dem alten song von Alexandra aus Kindertagen: „Ich suche oben in den Bäumen, ein wenig Trost für mein Geschick,, doch der der Trost sucht sollte lernen……“
    Das hängt fest, total fest!

    Liegt wohl ander Jahreszeit –

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  2. Mir fällt dazu nur ein: „There is something in the air my friend, hm hm hm, Fernando….“ Abba. Kann’s nicht ändern. Und was Onkel Heino betrifft, der hatte es doch auch mit dem Blau, nein nein, nicht Azzurrrrro, sondern En-zi-ahhhn. Man könnte mal eine Liste mit Farbenliedern zusammenstellen, du hast doch gerne Listen, tikerscherk, nicht? Rosalinde, Yellow Ribbon, Grüngrüngrün etc. als Archetyp aller Farbenlieder natürlich, Paint It Black, Nights in White Satin, ha, ich sehe schon, die Schnulzen überwiegen. Fällt dir noch was ein?

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  3. Ha! Du hast schon die besten Titel aufgelistet. Aus gegebenem Anlass: White Christmas. Und sonst noch: Blue Suede Shoes, Red Wine, Big Yellow Taxi, Back In Black, Yellow Submarine….Na, bin ich gut?

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  4. Super, und hier noch A Whiter Shade of Pale, Blue Velvet, Fade to Grey, drei tolle Titel, die ich schon allein vom Klang der Wort her mag. Den ähnlich klingenden Titel des dämlichen SM-Kitsch-Romans leider auch. Ha’ck aber trotzdem nich jelesen.

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  5. Huuu. Jajaja, verrucht…
    Und a propos Drei Farben Blau: Gibt es nicht auch Blue River? Wär jetzt mal so’n Stochern im Dunkel(blaue)n:::
    Kennst du die Listen der japanischen Prinzessinnen? 24 Dinge, die das Herz höher schlagen lassen? 24 weiche Dinge? 24 verruchte Worte… Magst du nicht mal Listen sammeln in deinem Blog?

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  6. Liste der japanischen Prinzessinnen?
    Listen find ich gut, weiche Dinge auch. Darf ich dann jede einzelne Tierart anführen, oder nur einmal Säugetiere mit Fell.
    Wusstest du, dass sich Seekühe gut anfühlen? So pneumatisch.
    Von allem 24 ist schwierig.
    Fang ruhig eine an. Du hast hier freie Hand, gelle.

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