Hundesalon Exquisit

English: Wolf, a White German Shepherd pup, re...

English: Wolf, a White German Shepherd pup, resting on a bench  (Photo credit: Wikipedia)

Die Betreiberin des Hundesalon Exquisit, Frau Christel Ballfanz, ist eine starke Raucherin. Man sieht und hört es ihr an. Auch der Laden riecht nach jahrzehntealtem Rauch, der sich als fettige Teerschicht über das gesamte Interieur gelegt und tief in das Gemäuer gefressen hat. Im Schaufenster stehen große Hundeskulpturen aus Hartplastik vor nikotinvergilbtem Vorhang. Boxer und Schäferhund. Die Figuren  scheinen gefragt zu sein, denn ein Schild im Schaufenster weist auf ihre Unverkäuflichkeit hin.
Wenn ich am Ballfanzschen Salon vorbei ging, fragte ich mich stets, wie es darin wohl zugeht: Wer brachte seinen Hund dorthin, und warum?
Die Antwort gab mir meine Hündin selbst, die aus einer spanischen Perrera kam, und durch die dort praktizierte Reinigung der Boxen, mittels eines harten Wasserstrahles in Anwesenheit der Insassen, panische Angst vor Nassem, ja selbst vor Trinknäpfen hatte. Die Furcht ging soweit, dass sie bereits bei leichtem Nieselregen unruhig wurde.
Nach ihrer Ankunft in Deutschland stank Töle so sehr, dass man sie nicht anfassen mochte. Ihr Fell war fettig verklebt, eine Dusche unumgänglich, und um nicht gleich zu Beginn unsere Beziehung zu strapazieren, machte ich telefonisch einen Waschtermin bei Frau Ballfanz aus.
Sie nahm Töle in Augenschein, und sagte sie müsse dringend gebürstet, geschnitten, getrimmt, gefönt werden.
„Nur waschen, bitte.“
Sie gab zu bedenken, dass zwischen den Zehen Haarbüschel wucherten, die irgendwann Probleme bereiten könnten.
„Ok, die können weg, sonst aber nichts. Keine Frisur und auch nicht bürsten oder fönen, bitte.“
Da ich merkte, wie schwer sie sich darauf einlassen konnte, wiederholte ich mein Anliegen noch einmal. Ein parfümfreies Shampoo hatte ich vorsorglich mitgebracht. Frau Ballfanz nahm Töle mit in die hinteren Räume ihres Salons und bot mir an zu warten. Ich blieb kurz, schaute mir den 70er Jahre Empfangstresen und die Vielzahl an gerahmten Porträts von frisierten Hunden an. Getrimmt und gefönt. Terrier. Allesamt Terrier. Boston, Airdale, Jacks, Parsons etc. Der gilbige Laden erschien mir, wie der raumausstatterische Wiedergänger des 70er Jahre Tatort- Kommissar Hans-Jörg Felmy. Ich fühlte mich unwohl und beschloss mir die Zeit auf dem türkischen Markt am Maybachufer zu vertreiben.
Nach den verabredeten 90 Minuten kam ich wieder zurück.
Die resolute Salonbetreiberin brachte mir meinen verstörten Hund: gewaschen, getrimmt, gefönt, verpudelt und verballfanzt. Zum Glück war sie nach wenigen Tagen fast wieder die Alte. Staubig, zottlig, lebensfroh aber nicht mehr so jämmerlich stinkend.
Inzwischen hat Töle keine Angst mehr vor Wasser und wird Zuhause geduscht. Das Erlebnis scheint sie vergessen zu haben. Völlig gleichmütig und ohne ihren Gang zu beschleunigen trottet sie mit mir am Ballfanzschen Salon vorbei, vor dem Touristen stehen bleiben und Fotos machen.

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3 Kommentare zu “Hundesalon Exquisit

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