Superlative

Als Kind beeindruckte mich alles, was viel größer war als meien Eltern:
Hochhäuser, Berge, Lastkraftwagen, Dinosaurier und Riesen.
Alles was viel kleiner war als ich, gefiel mir auch.
Besonders mochte ich die Geschichte von Gulliver, den es auf die Insel Lilliput verschlägt, dessen winzige Bewohner den „Menschenberg“ sogleich gefangen nehmen und ihm seine Freiheit erst wieder schenken, als er schwört sie im Kriegsfalle zu unterstützen. Die nächste Reise führt Gulliver dann nach Brobdingnag, wo er die Welt der Riesen kennenlernt. Neben ihrem Gigantismus, sinniert er vor allem über ihre Hautbeschaffenheit: großporig, zerfurcht, abstoßend.
Auch die Hausstaubmilbe, zeigt durch Vergrößerung unter dem Elektronenmikroskop erschreckende Züge: ein monströs gepanzertes und merkwürdig zerfasert aussehendes Spinnentier mit ausgeprägten Beißwerkzeugen. Kam mir Hausstaub eben noch harmlos vor, erkenne ich plötzlich seine potenzielle Angriffslust und die Gefahr, die von ihm ausgeht.

Derlei Aufnahmen fesseln mich. Ein verborgenes Universum scheint auf, wird durch seine temporäre Sichtbarkeit aber nicht transparenter, sondern nur noch viel geheimnisvoller und unergründlicher.
Wie die Tiefsee, durch deren ewige Dunkelheit bizarrste polymorphe Leuchtwesen auf stillem Grund durchs Leben gleiten.

Die Welt trägt eine Tarnkappe.

Der Künstler Vincent Bousserez installiert andere Realitäten, indem er Miniaturfigürchen (aus dem Modellbau) in gewöhnliche Straßen- und Alltagskontexte setzt, und sie dort fotografiert.
Trotz der verschobenen Proportionen und Relationen, erscheinen die erdachten Szenen wirklichkeitsnah. Man glaubt, Einblick in das Treiben einer, im Verborgenen operierenden Sub-Gemeinschaft zu bekommen. 
Unentdeckt, wie ein Stamm im Urwald Papua-Neuguineas.

Das Prinzip der umgekehrten Größenverhältnisse wirkt zuverlässig:
Godzilla stampft und walzt über Tokio hinweg, und hinterlässt dabei eine Spur der Zerstörung. King Kong reisst in New York City U-Bahnwaggons von den Schienen, schleudert sie durch Häuserfluchten, und pflückt, das Empire State Building erklimmend Flugzeuge, wie lästige Insekten aus dem Himmel über der Millionen-Metropole.

Wie ein gestrandeter Wal lag sie da, im toskanischen Sektor des multinationalen Walschutzgebietes. Das Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ havarierte am Freitag den 13. Januar mit 4200 Passagieren vor der Küste Italiens.

Die ersten Aufnahmen zeigen den auf der Seite liegenden Meeresriesen, der wie ein weißer Berg, in greifbarer Nähe zum Hafen der beschaulichen Insel Giglio (1400 Einwohner) liegt, umspült von dunkelblauer See. Aus dem Oberdeck der gekenterten Kleinstadt ragt imposant der Schornstein. Ein gigantischer gelb-schwarzer Zylinder.
Die Swimming Pools sind leergelaufen, Sonnenstühle lehnen wie Puppenstubenmobiliar ineinander verschränkt an der Reling.
 Im Vordergrund zwei malerische Leuchttürmchen. Einer blau, der andere rot.
Die Szene wirkt beschaulich und ruhig. Getaucht in das weiche Licht eines ausklingenden Tages an der Riviera. 
Still, anmutig.
Deplaziert.

Surreal.

Die verzerrte Symmetrie, das sonderbar Überspannte und der Verlust des Alltäglichen, sind gleichermaßen erschütternd wie faszinierend. Die besondere Ästhetik und Schönheit der Szene brennt sich tief ins Gedächtnis, umso mehr, weil sie dem empfundenen Grauen über das tatsächlich geschehene Unglück unversöhnlich gegenüber steht.
Die Bestürzung über meine widersprüchlichen Empfindungen erinnert mich an eine Zeile der Ersten Duineser Elegie von Rilke.

“Denn das Schöne ist nichts 
als des Schrecklichen Anfang,
den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören.”

Als Kind bekam ich von King Kong, Godzilla und dem Untergang der Titanic Alpträume, und fieberte zugleich sie noch einmal im Fernsehen anschauen zu dürfen.

Die Bilder der Costa Concordia, rangierten auch Wochen nach dem Unglück beim Publikum ganz oben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s