Rosebud

Nie wieder zuviel bezahlen, steht neben einem ramponierten Sarg, den ein Beerdigungsunternehmen in der Frankfurter Allee feilbietet.
Stimmt wahrscheinlich, denke ich, und weiß jetzt schon, dass mir dieser Satz bis zu meinem einstigen Ableben in den Ohren klingen wird. So, wie all die anderen.

Eine Taxischule in der Wrangelstraße bietet eine P- Scheinausbildung an.
Vor meinem inneren Auge entsteht das Bild eines straff organisierten Wehrsportgruppen-Lagers, in dem ambitionierte Extremisten auf ihr zukünftiges Schläferdasein gedrillt, dem Anschein nach aber zum Kutscher ausgebildet werden. Das P steht dabei für Persönlichkeit und Eingeweihte werfen sich vor dem unscheinbaren Laden wissende Blicke zu, ehe sie ihn betreten um ihrem alten Leben für immer den Rücken zuzukehren. Enge Freunde, die Familie, die Ehefrau werden sich später erinnern, dass es eine Zäsur im Verhalten der Täter gab. Niemand wird jedoch in Worte fassen können, was genau geschehen ist und wie sich die schleichende Wandlung vollzogen hat. Die Medien werden berichten, dass die Killer sich während ihrer Schulung für den Personenbeförderungs-Schein für Taxifahrer kennengelernt haben.
Ich habe mich schon oft gefragt, ob der Wellensittichmann, Betreiber des nahegelegenen Kiosk, nicht auch in geheimer Mission unterwegs ist.
Immer, wenn ich den Laden betrete, kommt er, mit seinem Sittich auf der Schulter aus einem Kabuff hinter dem Verkaufsraum. Nervös und übellaunig versucht er, mich schnellstmöglichst wieder los zu werden, um dann in sein Hinterzimmer zurück zu eilen, von wo er einen Angriffskrieg gegen die gesamte verfluchte Menschheit plant. Wenige Male ist es mir gelungen einen kurzen Blick in seine Kommandozentrale zu werfen, dessen einzige Lichtquelle ein flimmernder Monitor ist. Dann ist der Wellensittichmann schon wieder verschwunden, und ich bleibe mit meinen Colafläschchen zurück, die wahrscheinlich voller Milben und Vogelkacke sind.

There’s a light over at the Frankenstein Place, there’s a light burning in the fireplace
There’s a light, light in the darkness of everybody’s life.

Nachdenklich gehe ich weiter, und werfe das süße Gummizeug, vor den Augen meines Hundes, in den nächsten Papierkorb.
Wenn dir die Phantasie ausgeht, musst du einfach ein bisschen improvisieren, lese ich auf einem Aufkleber.
Ob das ein Code für die Schläfer ist? Wahrscheinlich nicht. Solche Menschen werden per Telefonanruf aktiviert. Ein Wort genügt.
In einer Folge der US-amerikanischen Fernsehserie Columbo, mit Peter Falk als Inspektor Columbo, ist es auch nur ein einziges Wort, mit dem zwei Doberman-Rüden gesteuert werden zu töten.
Das Perfide: der Mann, der die Tiere hütet erhält einen Anruf, in dem er aufgefordert wird Rosebud zu sagen. Nichtsahnend kommt er der Bitte nach. Die friedlich schlafenden Hunde heben ihre Köpfe, knurren, fletschen die Zähne und greifen an. Der Mann hat keine Chance.

Denkbar wäre natürlich auch ein Hirnimplantat, das den Auserkorenen bereits im frühesten Kindesalter eingesetzt wird und sie zu willfährigen Marionetten macht. Vielleicht sind die Nebenwirkungen dieses Fremdkörpers behandlungsresistente Migräne, oder ein leichtes Lidzucken und kein Arzt vermag zu helfen. Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel, niemand ahnt was hinter den Beschwerden steckt und gerade das Zipperlein lässt die derart Programmierten so arglos und menschlich erscheinen.
Perfekt ausgetüftelt.

Eine Freundin erzählte mir, dass sie auf der Suche nach einer Therapeutin bei einer Frau vorstellig wurde, die in Ermangelung eines Wartezimmers kurzerhand einen Holzstuhl im Treppenhaus, vor der Türe zu ihrer Praxis, aufgestellt hatte, so dass die Nachbarn die Psychoklientel getrost in Augenschein nehmen können. Zum Anderen hatte sie, neben allerlei abschreckendem Esoterik-Zubehör (Federn, Steine, zahllose Sitzkissen) auch einen Tick: es war ihr nicht möglich Blickkontakt zu halten. Ihre Pupillen bewegten sich meist ruckartig hin- und her, um sich irgendwann an den Deckenfalz zu heften und dort bis zum Ende der Stunde zu verharren. Intuitiv hat meine Freundin die Signale empfangen, gedeutet und sich für eine andere Therapeutin entschieden.

Aus meiner Sicht, zeigt das Beispiel, wie weit diese Leute (bzw. die Organisationen) bereit sind zu gehen. Besonders tragisch, dass ausgerechnet Hilfsbedürftige ins Netz gehen und zu Handlangern der Niedertracht gemacht werden sollen.

Für heute reicht es.
Ich bin dünnhäutig und das ist immer am gefährlichsten.
Schnell nach Hause, die Abwehr mit einem Heiltee stärken.
Vorsorglich habe ich alle Rolläden herunter gelassen, die Spiegel verhängt und werde gleich noch ein wenig räuchern, um sicher zu gehen.

An die Türklinke hänge ich ein Amulett.

 

(Text vom 25.01.2012)

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