Postbank, Punks, Platanen

Die Schlange bei der Postbank in der Skalitzer Straße reicht bis nach draußen.Punk_Red_Mohawk_Morecambe_2003
Monatsanfang, denke ich, und stelle mich an.
Langsam geht es vorwärts. Töle leckt den Gehweg ab und versucht einen Kaugummi von den Steinplatten zu nagen. Verstohlen blickt sie zu mir hoch.
Die Punks haben in der Eiseskälte vor den Eingangsstufen ein Lager aufgeschlagen. Auf jeden von ihnen kommen mindestens zwei Hunde, die mit untergeschlagenen Pfoten auf Decken liegen und an den leeren Bierflaschen schnuppern. Töle wedelt.
Drinnen ist es etwas wärmer, aber zugig. Ich blicke auf die lange Reihe der gelben Postfächer zur Linken. Verschlossene Orte an öffentlichen Plätzen gefallen mir, und ich bekomme Lust mir auch ein Postfach zuzulegen. Was mache ich dann damit?
Einfach eine Chiffre- Anzeige aufgeben und mir die Antworten dorthin schicken lassen? Dann jeden Tag hoffnungsfroh zur Post pilgern und nachschauen, ob etwas für mich angekommen ist.
Vielleicht lauert mir jemand vor den Fächern auf, um heraus zu finden, wer die Annonce aufgegeben hat.
Möglich, dass der Obdachlose, der am Ende des Ganges liegt auch nur so tut, als würde er schlafen, in Wahrheit aber ein Chiffre-Stalker ist.
Früher bot das Restaurant Goldener Hahn in der Pücklerstraße, seinen Gästen die Möglichkeit, sich Briefsendungen dorthin schicken zu lassen. Hinter dem Tresen stand, eigens hierfür, eine fast deckenhohe ausrangierte Apothekerschrankwand aus dunkler Eiche, mit vielen Fächern. Die Gäste konnten sich bei einem guten Glas Wein Zuhause fühlen, sich zurücklehnen und lässig ihre Korrespondenz erledigen.

Ich beschließe zu fragen, was dieser Service bei der Post kostet.
Während wir uns dem Schalter nähern, schaue ich mich weiter um. Jetzt stehe ich zwischen den halbhohen Regalen, mit Druckerpapier, gelben Faltkartons in verschiedenen Größen, Klebeband, Kordel, Packpapier, Leitz-Ordnern, Gruß- und Geschenkkarten, -das übliche Sortiment.
Papier brauche ich auch bald wieder.
Über den, in eine Stellwand eingelassenen Monitor, flimmert stumm Werbung für hier erhältliche Produkte oder Serviceleistungen. Die Neonlampen, die wie aufgefächerte Aluminium-Zeppeline von der Decke hängen, verbreiten ein unangenehmes Licht und erzeugen zusammen mit dem mausgrauen Linoleumboden eine sachlich-kalte Atmosphäre.
Vor mir vertreiben sich zwei Mittzwanziger in Röhrenhosen und mit Vintage-Lederjacken und Beatles-Friseur die Zeit mit Küssen und Umarmungen.
Je weiter die Schlange nach vorne rückt, umso stickiger wird die Luft.
Briefmarken kaufe ich auch gleich noch.
Schon wieder habe ich Pech und erwische die große dünne Rothaarige mit dem verbitterten Gesichtsausdruck.
Ob ich ein Sparbuch für eine andere Person bei ihr eröffnen könne, will ich wissen.
Mit betont geringschätzigem Gesichtsausdruck, zieht sie die rechte Seite der Oberlippe hoch, als wäre sie Teilnehmerin eines Billy-Idol-look-alike-contest, und zeigt ihre großen, leicht schiefen Zähne.
Natürlich geht das nicht so einfach, und schon gar nicht so, wie ich mir das vorstelle.

Ham wa nich, jeht nich. Vajisset, jib´s uff und zieh Leine, Olle! ist die Botschaft ihrer Körperhaltung und Mimik.

Nachdem sie mein Anliegen in verächtlichem Tonfall abgeschmettert hat, wirft sie mit verschränkten Armen einen zufriedenen, beifallheischenden Blick in die Menge der Wartenden und erinnert mich dabei an Mussolini in Chaplins Der große Diktator, wenn er mit erhobenem Kinn, selbstgerecht nickend die Zustimmung seiner linientreuen Claqueure in Empfang nimmt. Niemand applaudiert, weil keiner sie mag. Ihr doch egal.

Als ich mit Töle die Filiale verlasse, blökt sie mir noch ein Hunde dürfen hier nicht rein! hinterher. Ich unterdrücke den Impuls, meinen Ärger gebärdensprachlich zum Ausdruck zu bringen.
Draußen auf dem Gehweg atme ich durch und blicke hoch zu den riesigen alten Platanen, deren runde, gestielte Samenkapseln wie kleine stachlige Lampions an den kahlen Ästen hängen und leise im Wind schaukeln.
Ich erinnere mich gelesen zu haben, dass Platanen zur Familie der Lotosgewächse gehören. Der Gedanke, dass die erhabenen Bäume mit der grün und weißlich gefleckten Rinde Abgesandte der südlichen Hemisphäre sind hebt meine Stimmung.
Auf dem Heimweg komme ich bei Mc Donalds vorbei, und beschließe mich heute nicht darüber zu ärgern, dass die Fast-Food-Kette die Chuzpe hatte eine Filiale in Kreuzberg zu eröffnen.
Am U-Bahnhof Schlesisches Tor fährt gerade eine Bahn ein. Den Anblick, wenn sie sich, von Friedrichshain kommend, in die Kurve legt, mag ich immer wieder gerne. Die leichte Schieflage erzeugt ein unverkennbares quietschendes Reibungsgeräusch, das ich trotz der Entfernung und des Straßenlärms noch aus dieser Entfernung höre. Aus den Lautsprechern auf dem Bahndamm ertönt eine Frauenstimme. Noch ein letzter Zug an der Zigarette und die Reisenden springen in die Waggons, als die rote Signallampe an den Türen schon aufblinkt und lautes Tuten die Weiterfahrt ankündigt.
Wir biegen in die Wrangelstaße ein. Rechterhand das schöne Backsteingebäude der Oberschule, das ehemals eine Kaserne gewesen sein soll. Am Ende der Straße erahne ich schon die St. Thonaskirche auf dem Mariannenplatz. Töle beschleunigt.
An der Nordseite des Platzes stehen ebenso Platanen. Eine von ihnen wurde im vorletzten Herbst so radikal zurück geschnitten, als hätte der Baumpfleger die übelsten Amputations- und Verstümmelungswünsche an ihr ausleben oder sie für irgendetwas bestrafen und damit zugleich ein Exempel für alle anderen statuieren wollen.
Im letzten Sommer hat sie, an den Enden der dicken Aststümpfe ausgetrieben. Viele dünne Zweige ragen nun wie knochige Finger in den grauen Himmel. Auf eine unerklärliche Weise macht mich dieser Anblick froh. Fast so, als hätte mich, mitten im Berliner Winter, ein milder Südwind angeweht.
Ich kehre der Lotosschwester den Rücken zu und gehe ohne Sparbuch, Druckerpapier, Briefmarken und Postfach nach Hause.

 

(Photo credit: Wikipedia)

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