Oberbaumbrücke

Schönheit, Touristen, Pisse
Als Kind besuchte ich manchmal Freunde in einer nahe gelegenen Hochhaussiedlung .
Da gab es einfach alles: Aufzüge, lange Flure, immer wieder neue Nachbarn, Klappbetten, Müllschlucker und Katzen, die im 17. Stock auf der Balkonbrüstung balancierten.
In meinem Umfeld war man voller Bedauern für die Menschen, die dort leben mussten. Weil man keine Ahnung hatte, wie es da wirklich zuging. Von außen erschien das Ganze vielleicht desolat, von innen jedoch konnte unser Altbau, aus der Zeit um die Jahrhundertwende, mit seinem Turm, dem Erker, der Veranda, seinem gepflegten Gärtchen und den immergleichen Nachbarn in keiner Weise dagegen halten, denn seine Schönheit war völlig nutzlos.
Fakt war, dass man die Treppen allesamt selbst latschen musste, um beispielsweise den Müll runter zu bringen, statt ihn unter Poltern in einen zugigen stinkenden Schacht werfen zu dürfen. Katzen gab´s erst gar nicht, sondern nur stumme Schildkröten. Und Klappbetten kannten wir ebenso wenig wie Sitzsäcke aus Knautschkunstleder in lackrot.
Spätestens beim Ausblick konnte es keine Zweifel mehr geben, wo es sich besser lebte.

Deutsch: Berlin, Oberbaumbrücke
Die Oberbaumbrücke ist eine der schönsten, wenn nicht die schönste Brücke Berlins.
Sie wurde zwischen 1894 und 1896 erbaut, verbindet die beiden Ortsteile Kreuzberg und Friedrichshain miteinander, und ist seit der Fusionierung der beiden, ehemals eigenständigen, Bezirke zugleich deren Wahrzeichen.
Es ist eine Wonne, sie zu betrachten. Die Türme, die Klinker, die Wappenreihung. Die gelbe U-Bahn, wie sie von Friedrichshain nach Kreuzberg und umgekehrt rattert und sich quietschend in die Kurve legt.
Die Bögen des U-Bahn-Viadukts und die zwei spitzen Mitteltürme wurden nach dem Mauerfall originalgetreu rekonstruiert. (Während der Zeit der Teilung verlief quer über die Oberbaumbrücke die Grenze).
Der mittlere Teil wurde in den 90er Jahren nach den Entwürfen des spanischen Architekten Santiago Calatrava modern gestaltet, und ist ebenso gelungen, wie die Dauerinstallation des Künstlers Thorsten Goldberg unterhalb der U-Bahntrasse.

Deutsch: Detailansicht der Dachkonstruktion de...
Dort sind 2 Leuchtkästen nebeneinander angebracht, in denen, ab Einbruch der Dunkelheit, 2 aus Leuchtstoffröhren geformte Hände, per Zufallsgenerator das Schnick- Schnack- Schnuck-, respektive Stein-Papier-Schere- Spiel spielen.
Geballte, flache und gespreizte Hand in ständigem Wechsel. Ohne Pause. Bis es wieder hell wird und die Sonne von Osten ihre Strahlen auf die Brücke legt, oder der von der Spree aufsteigende Morgennebel sie matt und ruhig umwabert.
Doch was nützt der Oberbaumbrücke ihre Schönheit?
Wird sie doch unaufhörlich heimgesucht von Unmengen an Touristen und Partyvolk mit Sextanerblase, die in jede Ecke seichen und brechen, ihr Leergut zerschlagen und weiträumig verteilen. Pöbelnde Wohlstandssäufer, rabiate Radfahrer.
Im Sommer bekriegen sich hier Kreuzberger und Friedrichshainer bei der traditionellen Wasserschlacht (die Kreuzberg 2011 erstmalig für sich entscheiden konnte). Stinkender, fauliger Müll wechselt da die Seiten. Mit etwas Glück nur Vegetarisches. Mir sind schon verweste Fische um die Ohren geflogen.
Zu Stoßzeiten ist hier die Hölle los, und zu den Touristen und Säufern gesellen sich dann noch exzessive Lärm- und Abgasbelästigung . Fast so schlimm wie am S-Bahnhof Heerstraße.

Genau genommen verhält es sich mit der Oberbaumbrücke wie mit der Titanenwurz, jenem bizarren Gewächs, das den größten Blütenstand (bis zu 3 Meter hoch, rot, phallisch) der gesamten Pflanzenwelt hervorbringt und dabei einen Geruch nach Aas und Schwefel verströmt: wunderschön, einzigartig aber jämmerlich stinkend.
Warum also nicht gleich zur Schillingbrücke spazieren, die sich schnörkellos in die triste Gegend rund um den Ostbahnhof einfügt, und von dort einen stillen bewundernden Blick gen Osten, auf die rote Schönheit werfen?

Aus der Ferne ist sie mir so nah.

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