Mariannenplatz

Der Mariannenplatz liegt eingebettet zwischen der Mariannenstraße im Osten, der Waldemarstraße im Süden, dem Bethaniendamm, der ihn im Norden begrenzt und der Adalbertstraße im Westen.

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Er führt den Namen Platz zu Recht, anders als zum Beispiel der nahe gelegene Heinrichplatz, der einfach ein Plätzchen ist.
Marianne von Oranienburg-Nassau, Tochter Wilhelm des I., ist die Namenspatin meines Lieblingsplatzes in Berlin.
Ich liebe es von der Mariannenstraße aus die Stufen zum Bethanien zu nehmen und zu dem alten schönen Gemäuer mit seinen beiden Türmen und der dazwischen angebrachten Glocke, die an Missionskirchen in Lateinamerika erinnert, empor zu schauen.
Ein Blick nach links: in der Ferne, der Feuerwehrbrunnen von Kurt Mühlenhaupt, der 1981 an derselben Stelle errichtet wurde, an dem schon sein Vorgänger dem Krieg zum Opfer fiel. Ich weiß, dass dieser Brunnen die Arbeit und die Opferbereitschaft der Feuerwehrleute würdigen soll. Ein Blick in die Gesichter der Bronzefiguren, lässt einen dann aber doch an der hehren Absicht zweifeln: die sehen mit ihren dicken, geschwollenen und überdimensionierten Nasen und ihrem dümmlichen Gesichtsausdruck allesamt aus wie schwere Säufer.
Man könnte glauben, dass der Brunnen aus Hass auf Feuerwehrleute dort steht, und einzig ihrer Verunglimpfung dienen soll.
Um den Brunnen herum, gruppieren sich im Halbkreis rosafarben getünchte Alt- und Neubauten.
Auf Luftaufnahmen nach 1945 ist deutlich zu erkennen, welche Häuser im Block durch Bomben ausradiert wurden.
Eines davon stand direkt auf der Ecke Waldemar-/ Mariannenstraße.
Dort befindet sich jetzt ein großer Neubau, der sich gut ins Bild einfügt, und dessen Erdgeschoss eine Eckkneipe beherbergt, in der schon Rio Reiser gerne und häufig zu Gast war.
Vielleicht haben durchzechte Nächte zu der ersten Zeile des Rauchhaussongs geführt.

Heute steht das Bethanien nicht mehr ganz leer.
Es beherbergt zahlreiche Ateliers für Künstler, eine Kita, das Restaurant
“3 Schwestern” und im Südflügel die ehemaligen Besetzer der Yorckstraße, die inzwischen ordentliche Mieter sind, den Betreibern des Künstlerhauses Bethanien aber aus Gründen des Renommées ein solcher Dorn im Auge waren, dass man sich entschloss in ein todschickes Haus auf dem Kottbusser Damm umzuziehen. Gut so.
Wo Kunst nicht nur apolitisch ist, sondern zum Erfüllungsgehilfen von Gentrifizierern und Gleichmachern wird und sich ausdrücklich von alternativen Lebensformen distanziert, ist sie eben auch nichts anderes mehr als ein Business. Dies allerdings gerne mit viel Chichi und Wichtigmeierei.
Kurz: ich bin froh, dass sie weg sind.
Der Südflügel beherbergt neben den” Yorckies” auch die Heilpraktiker Schule (selbstverwaltet), die mit einem lässig aus dem Fenster gehängten Transparent, verziert mit dem Yin-und-Yang-Symbol, ihren Standort kenntlich macht.
Sobald es warm genug ist, sitzen die SchülerInnen draußen und halten mit ihren gezähmten LehrerInnen im Freien Unterricht ab. Man erkennt sie sofort. Haare, Klamotten alles ein bißchen filzig und grob.
Am eindeutigsten sind sie aber an ihren Blicken auszumachen.
Da ist so etwas Wissendes drin. Da merkt man gleich, dass sie sich durch ihre spirituelle Offenheit Welten erschlossen haben, zu denen ich als verkopfter und ignoranter Mensch niemals Zugang haben werde.
Mit toleranzgeschürzten Gesichtern sitzen sie da, mit friedvoll hängenden Schultern und wachsamem Blick.
Eine kurze Irisdiagnose en passant. Ein Braunauge.
Mein verschlossen bis ablehnender Gesichtsausdruck lässt eine Spontandiagnose zu: “Sepia!, total Sepia! Verzweifelt oder verbittert!”
Das hat mir mal ein Homöopath mit auf den Weg gegeben. So würde ich enden.
Ob er am Ende recht behält?
Schnell die Schule und die glotzenden Gutmenschen hinter mir gelassen (ich spüre noch ihre kosmische, feinstoffliche Liebe im Nacken), und rechts abgebogen, vorbei am Freiluftkino und zum Nachbarschaftgarten.
Dort treffe ich fast immer auf den gleichen Trinker, der mit seinem Foxterrier Idefix Ball spielt.
Idefix ist der klassische Apportierhund. Er lebt einsam in der Welt seines Balles, Artgenossen interessieren ihn nicht, Menschen interessieren ihn nicht: der Ball muss fliegen, zurück gebracht werden um wieder zu fliegen.
Das alleine zählt, und das stimmt mich irgendwie traurig.
Auf dem Rasen stehen zwei übermuskulöse Typen mit ihrem übermuskulösen Staffordshire-Rüden.
Dieser hat sich derartig in einen Knüppel verbissen, dass sie damit das 50- Kilo-Tier immer im Kreise herumschleudern können.
Da freuen sich Mensch und Kreatur gleichermaßen.
Ich nehme den Weg durch den Nachbarschaftsgarten und bewege mich auf das Georg-von-Rauch-Haus zu.
Ich mag das alte Gebäude.
Von der Nordseite des Bethanien hört man Musikfetzen. Klavier.
Die Jugend-Musikschule.
Es riecht mal wieder nach geröstetem Brot und nach einem Feuerchen.
Aus den Schloten der Bauwägen vom Kreuzdorf raucht es behaglich.
Eine Gruppe Touristen kommt mir entgegen. Ein Reiseleiter erklärt ihnen alles, was man über das revolutionäre Kreuzberg wissen muss. Und natürlich muss der Rauch-Haus-Song herhalten.
Ich finde es respektlos, wie sie da vor der Wagenburg stehen bleiben um geiles Ghetto zu gucken.
Kein Blick zu diesen Deppen, und wenn sie noch so gerne mal Blickkontakt mit einem Ureinwohner hätten.

Zurück zur Vorderseite des Platzes.
Am nördlichen Ende steht die Engelskirche. Ein monumentaler, schöner Backsteinbau, den man architektonisch eher in der Toskana verorten würde.
Ich verweile einen Moment auf den Stufen vor dem Eingang und schaue einem großen Hunderudel beim Spielen in der Sonne zu.
Als das Ordnungsamt versucht sich anzuschleichen, flüchtet man in alle Richtungen.
Auch ich schnappe meine Töle und gehe nach Hause.
Nachher müssen wir eh nochmal raus. Zur Abendrunde auf dem Platz.

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