le bruit du frigo

In der Nacht/ le bruit du frigo

Spuren im Schnee

Spuren im Schnee (Photo credit: Mr.Spaceartist)

Als ich wach werde ist es 3 Uhr morgens.
Die Stadt schweigt unter einer dünnen Schneedecke.
Ich höre das Rauschen der Heizung und das leise Schnarchen des Hundes, der in seinem Korb auf dem Rücken liegt und tief schläft.
Ich schäle mich aus dem warmen Bett und gehe in die Küche.
Töle hebt den Kopf und bleibt liegen.
Im Kühlschrank klirren ein paar Flaschen. Das Geräusch stört mich so, dass ich den Schrank öffne und die Flaschen auseinander schiebe. Beim Schließen macht die Tür ein saugendes Geräusch. Es klappert weiter.
Der Kater schnurrt um meine Beine.
Um nicht noch wacher zu werden mache ich kein Licht im Bad an.
An der Decke befindet sich eine Lüftungsklappe. Dahinter höre ich leises Pfeifen, als würde der Wind durch einen Schacht streichen.
Ich frage mich, was sich jenseits der Klappe befindet.
Vielleicht ist es wie bei „Being John Malkovich“, und oberhalb des Bades, das in Trockenbauweise ins Zentrum der Wohnung gebaut wurde, befindet sich eine halbe Etage, mit einer Deckenhöhe von 1,50 m. Dort leben und arbeiten Menschen, die sämtliche Tätigkeiten gebückt und so geräuscharm wie möglich verrichten müssen.
Von diesem Ort aus ist es möglich das Bewusstsein eines anderen Menschen zu betreten.

Nicht auszudenken, ich könnte auf meine Toilette steigen, die Belüftungsklappe nach oben drücken, und dann durch die darüber befindliche, verborgene Welt in den Kopf der mächtigsten Frau der Welt gelangen: der Kanzlerin. (Forbes, 2011)
Was würde ich dort erleben? Ist sie auch gerade im Bad, schaut an sich herunter und fragt sich, ob ihre Glaubwürdigkeit in puncto Sparen darunter leidet, dass sie sich allabendlich mit Nicolàs durch die Haute Cuisine arbeitet?
War sie eben noch am Kühlschrank und hat sich dann gegen Nahrungsaufnahme entschieden um ein bisschen Platz im Rumpf zu schaffen für das nächste Spartreffen?

Möglicherweise hat Angela Merkel eine Tierhaarallergie und ich löse dort oben eine übermäßige Histamin-Produktion aus, die sich in einer paradoxen Reaktion niederschlägt.
Sie könnte beschließen eine Lärmabgabe einzuführen.
Ein Grundrecht auf 55 Dezibel wird jedem Menschen eingeräumt.
Was darüber hinaus geht, muss mit Zahlung einer Lärm-Maut beglichen werden.
Diese wird jährlich erhoben. Als Beleg gilt ein Chip, der immer mitzuführen ist. Kinder bis 14 Jahre sind generell von der Dezibel-Grenze befreit, eine Ausnahme bildet nur die Kinderschar der von der Leyens, die schweigend mit gutem Beispiel voran gehen müssen, angeführt von ihrer erfolgreichen Mutter.
Für die Industrie gelten höhere Werte, allerdings auch umfassendere Lärmschutzvorschriften.
Emissionshandel ist verboten. Verstöße führen zur Verstaatlichung des Unternehmens.
Den Anfang macht Frau Merkel bei der Lufthansa AG.
Die Rüstungsindustrie wird komplett abgeschafft und der Hauptbahnhof bekommt schallschluckende Gleisbetten.

Die Toilettenspülung klingt nachts ganz anders als tagsüber. Viel lauter und merkwürdig blechern, und doch führen die Rohre zu den Katakomben der Berliner Unterwelt, in denen außer einem leisen Plätschern und Rauschen höchstens einmal das Rumpeln der U-Bahn, oder das Fauchen einer Kanalratte zu hören ist.
Ich erinnere mich, dass ich vor Jahren mitten im Yoshua-Tree-Nationalpark, an der Grenze zur Mojave-Wüste stand und eine Karotte aß.
Es war absolut still. Bis zum Horizont war nichts zu sehen als Sand, Felsen und Yucca-Palmen.
Nach einer Weile beschwerte sich meine Begleitung, die einige Meter von mir entfernt stand, über den Lärm, den ich beim Kauen machte. Das Krachen und Mahlen beim Zerbeissen der Möhre war weithin wahrnehmbar.
In der Totenstille, die dann entstand, hörte ich meine Haare, die bei jeder Bewegung auf meiner Schulter rieben. Ich trug eine leichte Windjacke.
Die Ruhe die ich an diesem Ort erlebt habe, gehört zu den schönsten Momenten in meinem Leben.
Selten habe ich mich so lebendig, klar und frei gefühlt.

Ich krieche zurück ins Bett, schalte den Fernseher ein und dimme den Ton.
Im ersten Programm läuft eine Folge der „Schönsten Bahnstrecken Deutschlands“ aus dem Führerstand gefilmt.
Sehr gut.
Niemand spricht. Nur das leise Rattern des Zuges, der in eine hügelig-grüne, süddeutsche Landschaft fährt dringt an mein Ohr.
Eine Haltestelle, die wir anfahren heisst tatsächlich Himmelthal.

Ich schließe die Augen und lausche dem sich nähernden Morgen.
Bald wird die BSR ihren täglichen Lärm-Angriff starten, und ich will versuchen vorher noch ein wenig Schlaf zu finden.
Als ich wegdöse höre ich, dass Töle träumt. Sie quiekt in kurzen Intervallen, wie ein Meerschweinchen, und ohne die Augen zu öffnen weiss ich, dass sie jetzt auf der Seite liegend durch ihren Traum galoppiert auf der Jagd nach einer Ratte.

(Winter 2011/2012)

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