fear and loathing

In tiefem Rot flammt der Wein an den Häuserwänden auf. Die Ahornbäume lodern bunt.
Berlin leuchtet. Es ist Herbst. Ein milder, sonniger Oktobernachmittag lädt ein, im Grunewald das raschelnde Laub zu durchpflügen und den Hund laufen zu lassen. Ich freue mich darauf den Kopf in den Nacken zu legen, durch die gelb- gelichteten Kronen der Bäume in den tiefblauen Himmel zu blicken, und den Blättern beim Hinabsegeln zu zu schauen. Es riecht nach Erde und Eicheln, nach Rinde und Moos. Nach Moder, Zerfall. Nach Herbst.

Wir stehen mit Töle am S-Bahnhof Friedrichstraße und warten auf unseren Zug.
Der Aufzug funktioniert nicht. Vandalismus, wie immer. Radfahrer schleppen ihre Bikes die Treppen hoch, Mütter kämpfen sich mit sperrigen Kinderwagen ab. Ich lehne mich an das Treppengeländer und beobachte die Reisenden, die die Rolltreppen hinauf- und hinunterfahren. Rentner und ihre kurzbeinigen, überfütterten Hunde, Anzugträger, falsche Blondinen mit dick getuschten Wimpern, hautenger Kleidung und schwerem Parfum, aufgepumpte Bodybuilder, deren ausrasierter Stiernacken an Völkische der 30er Jahre erinnert, Studenten, kaugummi-kauende Jugendliche mit tiefsitzenden Markenhosen, Musik auf den Ohren und Smartphone in der Hand, Menschen mit Tüten, andere mit Messengertaschen. Touristen mit Stadtplan und Rollkoffern. Natürlich.Trotz der Betriebsamkeit umgibt uns eine entspannte Atmosphäre. Die letzten Sonnentage stimmen die Menschen friedlich.

Ein Mann läuft auf uns zu. Er ist um die 60 und trägt das volle graue Haar etwas länger.
Seine helle Jacke ist offen, darunter ein fliederfarbenes Hemd. Wie ein Intellektueller sieht er aus. Einer mit Hang zu gutem Essen und gutem Wein. Sympathisch. Genau auf unserer Höhe sackt er in sich zusammen und fällt zu Boden, wie eine Marionette deren Fäden gekappt wurden. Ganz kurz noch sind seine Augen offen, dann weicht alles Leben aus ihm.

Wir stürzen zu ihm. Das Gesicht ist fahl. Schnell einen Notarzt rufen! Wo ist das Handy?  Scheiße, scheiße! Scheiß- Tastensperre! Mir zittern die Hände. Es rauscht und pfeift in den Ohren. Töle kneift den Schwanz ein.
Der Bahnbeamte, der eben noch freundlich Auskunft erteilte steht adrenalin-benommen mit rotem Kopf und glasigen Augen da. Ein hilfesuchender Blick zu seinem Kollegen in der Kabine auf dem Bahnsteig. Daumen hoch. Der Rettungswagen ist gerufen.

Schon hat eine Wartende den Leblosen in die stabile Seitenlage gebracht.
Falsch, ganz falsch! Das bringt nichts, er atmet ja nicht mehr!
-Reanimieren! Reanimieren!,
rufe ich in das grauenhafte Vakuum dieses unnennbaren Schreckens.Die nächste S- Bahn gleitet in den Bahnhof, die Rolltreppe rattert sich nach oben. Bremsen. Schritte, Menschen Rollkoffer. Sie dreht ihn auf den Rücken, versucht ihn zu beatmen. -Falsch! Herzmassage! Sofort! Meine Stimme überschlägt sich. Zaghaft beginnt sie mit der Herzdruckmassage. -Fester! Fester drücken! Da kommt doch nichts an!
Meine Freundin, die in der Pflege arbeitet, will eingreifen. Der Mann ist von kräftiger Statur. Das erfordert viel Kraft. In diesem Moment kommt eine weitere Frau dazu und übernimmt. Sie reisst das Hemd des Mannes hoch und beginnt mit der Massage. Jeder Handgriff sitzt. Ich zittere und mir laufen die Tränen herunter. Töle hat Angst.
Ein älterer Herr legt mir beruhigend die Hand auf die Schulter.
Die Kathrin weiss was sie tut, sagt er.
Er scheint der Vater der Helferin zu sein. Neben ihm stehen deren zwei Söhne und schauen verlegen zu, wie ihre Mutter, unter den Blicken so vieler Menschen, versucht Leben zu retten. Ein langhaariger Bär mit Zopf und eine sehr junge Frau knieen nun auch neben dem Mann und unterstützen die Helferin. Sie wechseln sich bei der Massage ab. Die Ersthelferin schluchzt. Fassungslos schaut sie zu. Ihre Gesichtszüge vor Entsetzen entgleist

WO BLEIBT DER NOTARZT?

Verzweiflung steigt in uns auf. Meine Freundin ist bleich. Wir starren zur Treppe, horchen auf den Klang eines Martinshorns. Wieso kommen die nicht? Die Charité ist doch um die Ecke!
Züge fahren ein und aus. Menschen steigen um, die Rolltreppe rattert, Koffer rollen. Schritte. Blicke. Gibt es hier keinen Defibrillator am Bahnhof? Keine Adrenalinspritzen, keinen Beatmungsbeutel? Der Bahnbeamte schüttelt den Kopf. Nein, das gibt es nur am Hauptbahnhof. Wie kann das denn sein? Selbst das KaDeWe hat einen Defibrillator.
Hilfloses Achselzucken.

Wir warten. Menschen kommen an und reisen ab. Ich fühle mich wie unter einer Taucherglocke. Das einzige, was zu mir dringt sind die Geräusche dieses Alptraums und das Klopfen meines eigenen Pulses.
Unmittelbar hinter uns steht ein Pavillon mit Snacks. Die Verkäuferin daddelt auf dem Smartphone herum und begutachtet ihre Fingernägel, bis der nächste Zug einfährt.
Ein Mann bleibt stehen, schaut zu und löffelt seinen Eisbecher, während die Helfer um ein Leben kämpfen. Andere stellen sich am Verkaufsstand an und beobachten das Geschehen. Unbeteiligt beissen sie in ihre Backwaren und setzen kauend die Reise fort.

Wo bleibt der Notarzt? Bitte, bitte lass sie rechtzeitig kommen!

Ich schaue zur Rolltreppe und sehe von oben, wie ein Mann sich Fotos anschaut, die er von den verzweifelten Rettungsversuchen gemacht hat. Das widerliche Schwein.
Ich möchte ihm hinterher rennen, die Beine wegtreten, ihm die Kamera vom Hals reißen und sie zerschmettern. Etwas hält mich hier. Ich kann nicht gehen. Es ist, als müssten wir diesen Mann beschützen. Als könnten allein die Hoffnung und das Flehen ihn ins Leben zurückholen. Mir ist so elend.

MARTINSHORN!
Sie kommen!
Endlich!

Es dauert noch eine Ewigkeit, bis die orange-bewesteten Männer der Berliner Feuerwehr mit schweren Stiefeln die Treppe hinauf gelaufen kommen. Kein Notarzt, nur Sanis, denke ich. Die Helfer massieren unentwegt weiter. Das mobile EKG-Gerät wird angeschlossen und brüllt den Takt des, durch die Herzdruckmassage erzeugten, Pulses in die Halle.

Notarzt! Ein Notarzt muss kommen. Adrenalin! Ambubeutel! Macht doch was, sofort! Bitte!
Bitte, bitte, bitte!

Ungezählte S-Bahnen sind inzwischen angekommen und abgefahren, als die Notärzte den S-Bahnhof Friedrichstraße erreichen. Sofort lösen sie die erschöpften Helfer ab. Spritzen werden aufgezogen, die Beatmung beginnt. Endlich. Erprobte Handgriffe, sicheres Handeln, volle Konzentration.
Ich will hier weg. Nach Hause.
Die S-Bahnen Richtung Osten sind überfüllt. Menschen, Blicke, Schritte, Rattern, Rollkoffer. Zwei, drei weitere Züge erreichen den Bahnhof, verlassen ihn wieder.
Wir sitzen immer noch erstarrt da. Mit leerem Blick schauen die erschöpften Helfer den letzten vergeblichen Bemühungen zu. Die Aktivität der Notärzte erlahmt. Wie in Zeitlupe, fast roboterhaft erscheinen ihre Bewegungen. Inzwischen ist auch die Polizei eingetroffen.

Es gibt nichts mehr zu tun.

Wenige Tage später bin ich bei schönstem Herbstwetter auf dem Alexanderplatz unterwegs und passiere den kerzen- und blumenübersäten Gehweg vor den Rathauspassagen. Ein 20 jähriger Mann, vietnamesischer Herkunft, wurde hier von 7 Männern erschlagen, als er auf einem Stuhl sitzend auf seine Freunde wartete.
Menschen bleiben stehen. Schauen. Gedenken.

Nur einen Schritt entfernt sehe ich einen Mann im Café sitzen, der genüsslich seinen Eisbecher löffelt und die Trauernden betrachtet.

(Text vom 22.10.2012)

11 Kommentare zu “fear and loathing

  1. Nachdem ich den Text gelesen habe, klickte ich betroffen auf den like-Button und ging. Aber das ist nicht meine Art, wenn ich einen Artikel gut finde und er mich emotional berührt. Darum bin ich jetzt wieder hier und schreibe dir, das mir irgendwie die Worte fehlen, ich nicht weiß, was ich dazu sagen soll, außer dass ich mit dem Mann, den Helfern und dir mitgelitten habe und sich die Anspannung auf mich übertrug. Ich möchte nie in so eine Situation geraten, aber ich würde helfen. Oder würde ich hoffen, dass andere schneller sind? Kennt man sich selbst so gut?

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  2. Sehr berührender Text. Und sehr beunruhigend. es gibt auch andere Beispiele, aber dennoch – ich hätte auch keine Ahnung was man dann tun sollte außer Notarzt rufen. Ein Grund mehr für lebende BVG-Mitarbeiter auf Bahnsteigen, die noch nicht wegrationalisiert wurden.

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    • Absolut. Es gibt eben Situationen, in denen nur Menschen helfen können.
      Warum das allerdings so lange gedauert hat, und am Ende ja auch zu spät war, verstehe ich nicht.
      Und ein Defibrilator auf einem so großen Bahnhof, würde sicher auch manches Leben retten.
      Danke für deinen Kommentar.

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  3. Das sind die schlimmsten Momente im Leben, so voller Machtlosigkeit. Wenn alle Bemühungen in die Nulllinie münden und am Ende auch noch das Gefühl bleibt, dass nicht genug getan worden ist…

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