Drospa. Ein Nachruf.

Wenn ich Drogerieartikel brauchte, hatte ich bis vor kurzem Schlecker und Drospa in unmittelbarer Nähe zur Auswahl.
Rossmann am Kotti war mir zu weit weg, um mal eben Waschmittel oder Zahnpasta zu kaufen.
Hatte ich mich zwischen Schlecker und Drospa zu entscheiden, so fiel die Wahl ganz klar auf die Drospa-Filiale in der Markthalle IX, zwischen Pückler- und Eisenbahnstraße gelegen.
Schlecker war mir zu eng, zu vollgestopft. Es gab dort einen Gang, der so knapp bemessen war, dass 2 Kunden nicht aneiander vorbeigehen konnten, was zur Folge hatte, dass einer warten muss, bis der andere sich, unter unangenehmem Zeitdruck, endlich den Wunschartikel ausgesucht hatte.
Oder man musste gleich ganz auf die Waren in diesem Gang verzichten.
Aber genau da befand sich das Zahnpasta-Sortiment. Und allein deswegen war ich doch überhaupt gekommen.
Irgendwie musste ich bei Schlecker auch immer gleich an bewaffneten Raubüberfall denken, und auch danach stand mir in der Regel nicht der Sinn.
Also rüber zur Schlecker-Schwester Drospa.
Der Name triggerte unmittelbar meine zwanghafte Seele. Jedesmal fiel ich mir innerlich ins Wort: nicht schon wieder das Gleiche denken!
Zu spät.
“Jetzt mal schnell zu Drogensparen und Drogen sparen.”
Wenn ich den Laden enterte das Gleiche: wenigstens einmal ganz leise musste ich Drogensparen flüstern, und dann begann das Einkaufsvergnügen.
Die Kassiererin blickte stets müde auf, entdeckte ein bekanntes Gesicht und grüßte stumm.
Ich war meist der einzige Kunde im Laden. Gleich die ersten Regale linkerhand waren voll mit Ramsch. Es gab eine große Auswahl an Gartendeko, wie man sie sonst bei Tchibo oder im 3 Pagen- Katalog finden kann. Bunte Kugeln auf Holzstielen, Vogeltränken, Laternen, Beetstecker, romantische Solar-Elfen, Sitzkissen und betont witzige Pflanzgefäße.
Deprimierend schon mal.
Die Haarpflege-, Duschgel-, Deo- und Stylingabteilung war ganz gut sortiert, aber uninteressant.
Besser war da schon die Auswahl an sogenannten Kulturbeuteln. Hochtrabendes Wort für so ein kleinkrämerisches Produkt.
Es gab diese in verschiedenen Ausführungen, mit mehr oder weniger Glamour. Grundsätzlich gilt bei Kulturbeuteln eine Faustregel: je glamouröser sie sich geben, umso billiger und trauriger wirken sie.
Ich kannte in der Zwischenzeit jeden einzelnen Beutel, (sie schienen nicht eben ein Kassenschlager zu sein), und hatte ihnen zum Teil Namen wie “Coco”, “Chantalle”, “Nizza” oder “Manhattan” gegeben.
Mein Lieblingsmodell nannte ich “Grace”. Es bestand aus altgold eingefärbtem Textil, hatte Clutcherform und war abgesteppt, wie eine Kassettenbettdecke. Die stolze Besitzerin, oder der exzentrische Besitzer konnte es sich auch lässig über die Schulter hängen, wenn sie/ er einen Waschraum betrat, denn es verfügte über eine lange goldene Kordel als Trageriemen. Très triste.
Nach den Kulturbeuteln kam gleich die Wellness-Ecke, dahinter Baby-, Frauen- und Katzenstreu, dann die kleine Drogerie-Parfümerie mit Düften von Puma, Adidas und Naomi Campbell, und schließlich natürlich noch Putzzubehör, Cremes, aufklebbare Fingernägel, Kosmetik, Klopapier- das Übliche.
Schön war auch die Arzneitee-Auswahl und das Sortiment an Diätprodukten für Diabetiker, die ich mit großem Interesse studierte.
In diese Thematik wollte ich mich beizeiten reinarbeiten, um die Unbillen des bevorstehendes Alters einschätzen, und ihnen später adäquat begegnen zu können.
Weiterhin schätzte ich die Vielfalt an Servietten mit romantischem Aufdruck. Tautropfen auf Rosenblüten, Marienkäfer auf vierblättrigem Kleeblatt und Holzbank vor rustikalem Fachwerkhäuschen. Alles mit Blur-Effekt in den Kitschhimmel katapultiert.
Die große Auswahl an Duftkerzen ließ mich immer meinen Schritt beschleunigen, und trieb mich unmittelbar in die Abteilung mit dem Fackelmann-Sortiment
Einfach toll! Zahnstocher, Frühstücksbrettchen, Schneebesen, Dosenöffner, Flaschenverschlüsse, Sparschäler. Da konnte man schon schwach werden.
Ein abschließender Blick auf die Auswahl an Sonnenbrillen und Entspannungs-CDs, zur Kasse gegangen, Ferrero-Küsschen mitgenommen und noch ein bißchen trauriger als zuvor Drospa (Drogen sparen!) und die verwaiste und von KiK und Aldi gemarterte Markthalle verlassen. Vorbei am formidablen Blumenladen August Krempel, die Muskauer Straße runter.
Nur der Anblick des ehemaligen Bethanien-Krankenhauses hebt meine Stimmung. Jeden Tag auf´s Neue.
Hier war schon Theodor Fontane depressiv, warum dann nicht auch ich, an einem Regentag in Kreuzberg.
Danke Drospa, für dieses intensive Lebensgefühl!

(Ich vermisse dich)

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