Das Baumhaus an der Mauer

Merry Crisis, Berlin, 2009

Das Baumhaus an der Mauer liegt im Bezirk Kreuzberg und nicht, wie manchmal fälschlicherweise behauptet, in Mitte.
Das war einmal, und so fängt die ganze Geschichte überhaupt erst an.
Denn Osman Kalin, gebürtiger Anatolier, verließ als 40 jähriger seine Heimat, ging nach Österreich und von dort über Stuttgart und Mannheim nach Berlin.
1980 kam er hier an und bezog eine Wohnung auf dem Bethaniendamm, mit Mauerblick.
Mit dem Eintritt ins Rentenalter 1983, begann auch die Langeweile und als Kalin mal wieder so aus dem Fenster auf die Berliner Mauer blickte kam ihm eine Idee.
Er krempelte die Ärmel hoch und fing an Schrott, Müll, Schutt und Steine von einer kleinen Brache zu schaffen, die vor seinem Haus im Schatten der Mauer lag.
Als diese Arbeit getan war, harkte er den Boden und bepflanzte ihn kurzerhand mit allerlei Gemüse und einigen Obstbäumen.
Ein Zaun drum herum, eine Holzhütte mitten drauf;- so wurde Kalin zum Schrebergärtner der eigenen Kolonie mit ihren eigenen Regeln.
Eines Tages aber öffnete sich eine Tür im antifaschistischen Schutzwall, und Uniformierte statteten dem Efendi Kalin einen Besuch ab.
Man erklärte ihm, dass der neu angelegte und prosperierende Schrebergarten, mitsamt Datscha, zum Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik gehöre, auch wenn er aus mauerbautechnischen Gründen (Mangel an Fertigteilen zur Errichtung der Grenzanlage aus Beton und Stahl) auf der anderen Seite des Walls lag.
Es soll eine Diskussion gegeben haben, in deren Verlauf Grenzer und Gärtner sich gegenseitig als Eselssohn betitelten (so der heute fast 50 jährige Sohn des Gartenbauers).
Man einigte sich: der Efendi durfte bleiben, sollte aber die tollkühne Baumhauskonstruktion nicht weiter aufstocken und die Mauer auch tunlichst nicht als Rankhilfe benutzen.
Das war also für´s Erste geklärt.
Unklar blieb weiterhin, wie der Efendi seinen Garten bewässern würde. Das Graben eines Brunnens wurde ihm untersagt, und die Berliner Wassergesellschaft stellte klar, dass sämtliches Wasser unterhalb des Straßenpflasters ihr allein, und nicht Allah gehöre.
So sprang der Pfarrer der gegenüberliegenden evangelischen
St. Thomas-Gemeinde ein, und bis heute verhilft der Quell der Nächstenliebe dem kleinen Eiland, zwischen Bethaniendamm und Mariannenplatz, Jahr für Jahr zur Blüte.

Zu Weihnachten sollen die DDR-Grenzer dem Efendi, als volkseigenen Anrainer, sogar Gebäck und Spirituosen durch die Mauer gereicht haben, bis diese dann fiel und das Baumhaus plötzlich nicht mehr am Rande West-Berlins, sondern mitten in der wiedervereinigten Stadt stand.

Mit Bienenfleiß machte sich die Metropole mit Hauptstadtambitionen an die Umsetzung der Pläne Barths. Dieser hatte einen Grünstreifen als Naherholungsgebiet für Arbeiter enworfen, der entlang des ehemaligen luisenstädtischen Kanals, vom Erkelenzdamm bis zum Bethaniendamm angelegt werden sollte.
Das Geld ging aus. Efendi blieb von der Verschweizerung seines Gartens verschont.
Im Jahr 2004, fiel das kleine Anwesen von Osman Kalin durch eine Grenzbegradigung an Kreuzberg, zu dem es im Geiste ja all die Jahre schon gehört hatte.

Kalin hat nun auch offiziell Nutzungsrecht seiner Scholle auf Lebenszeit.
Der heute fast 90 jährige genießt dies in vollen Zügen.
An lauen Abenden sieht man ihn, nach getaner Arbeit, vor seinem Garten mit einem Glas Tee bei Tische sitzen.
(Dieser hat inzwischen einbetonierte Beine, weil seine Vorgänger alle weg gelaufen waren).
Und immer hat der Efendi ein freundlich lächelndes Kopfnicken für seine Nachbarn übrig. Er hebt die Hand zum Gruße und schaut zufrieden über seinen kleinen, schönen Garten, an dessen Zaun mannshoch Tagetes wuchert und Kürbisse gelbblühend ranken.
Auch wenn die Touristengruppen nerven, die regelmäßig um das aus Lattenrosten, Türblättern, Bauzäunen und anderem Wohlstandsmüll errichtete Haus mit seiner wagemutigen Balkonkonstruktion herumspazieren, oder mit ihren geliehenen Fahrrädern in großen Gruppen anhalten, um es tausendfach zu fotografieren, so bescheren sie der Familie Kalin doch ein kleines Zusatz-Einkommen. Denn durch das stetig gewachsene Interesse an dem Baumhaus berichten landesübergreifend Medien über dessen Geschichte.
Die Interviews mit der Familie sind inzwischen kostenpflichtig, und an den Tagen der offenen Tür wird Eintritt verlangt.
Recht so.
An der ehemaligen Datscha selbst, hängt seit einiger Zeit ein Schild mit der Aufschrift “Baumhaus an der Mauer”.
Eine Handy-Nummer ist beigefügt und links und rechts des Schildes weht je eine Fahne: die türkische und die deutsche.

Müsste ich das Baumhaus auf einer Skala von 1-10 bewerten, so bekäme es, zusätzlich zum türkischen Stern vor Halbmond, 10 Sterne von mir.

Ein Kommentar zu “Das Baumhaus an der Mauer

  1. Pingback: mauer | neuköllner botschaft

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