The Bad Doctors

27. September 2014 § 40 Kommentare

JAMES-ENSOR-THE-BAD-DOCTORS(James Ensor, The Bad Doctors. Photo via Biblioklept)

Ein Alptraum liegt hinter mir, ein weiterer vor mir, und hätte nicht irgendein kluger Mensch Schmerzmittel erfunden, wäre das Ganze noch unerfreulicher.
Kann wahrscheinlich passieren. Ist halt Pech. Gehöre ich eben zu den 5 Prozent, bei denen das schief läuft.
Ist ja nicht so, dass mir Katastrophen in der persönlichen Vita unbekannt wären.
Was da weh tut ist nur der Schmerz.

Trotzdem hätte der operierende Chirurg mich vielleicht besser nicht mit Fieber und erhöhten Entzündungswerten nach Hause schicken sollen, und möglicherweise wäre es gut gewesen wenigstens einen kurzen Blick auf die Wunde zu werfen irgendwann in diesen Tagen in der Klinik, oder zumindest vor der Entlassung. Dann hätte man nämlich sehen können, dass…
Hätte, hätte.
Stattdessen Gebete aus dem Lautsprecher, heilloses Gefrömmel und der gnadenlose Druck der Fallpauschale.

Ja, bin schlecht drauf und außerdem sehr, sehr wütend.

Zuhause

26. September 2014 § 13 Kommentare

DSC01256Wieder Zuhause, ruhe ich mich aus.

Nietzsche/ Das Zwiegespräch

21. September 2014 § 3 Kommentare

Friedrich Nietzsche, 1869

Friedrich Nietzsche, 1869 (Photo credit: Wikipedia)

“Das Zwiegespräch ist das vollkommene Gespräch, weil Alles, was der eine sagt, seine bestimmte Farbe, seinen Klang, seine begleitende Gebärde in strenger Rücksicht auf den Anderen, mit dem gesprochen wird, erhält, also dem entsprechend, was beim Briefverkehr geschieht, dass ein und der selbe zehn Arten des seelischen Ausdrucks zeigt, je nachdem er bald an Diesen, bald an Jenen schreibt. Beim Zwiegespräch gibt es nur eine einzige Strahlenbrechung des Gedankens: diese bringt der Mitunterredner hervor, als der Spiegel, in welchem wir unsere Gedanken möglichst schön wiedererblicken wollen.”
(Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches I, 374)

Himmel und Hölle

20. September 2014 § 4 Kommentare

20140916_154256Die Siegessäule ragt in den tiefblauen Berliner Himmel, die Flügel der Viktoria sind sonnenbeschienen, ihr Blick in die Ferne gerichtet.
Auf der Raucherterrasse abstrakte Bronzeplastiken, die mit ihrer dunklen, rauen Oberfläche und den schlanken Vertikalen an Giacomettis Schreitende Männer erinnern.
Mit amputierten Zehen und dunkelviolett verfärbten Beinen sitzen die Patienten an den Bistrotischchen und rauchen, während der Infusor das venenreizende Mittel in ihre Adern träufelt um die verbliebenen Gefäße offen zu halten und die letzten Zentimeter ihrer Stümpfe zu retten.
Eingefallen und rauchend warten sie auf den Tod.
Unten auf Station diese frischen, schwungvollen Menschen. Jung, mit leuchtenden Augen und rosigem Teint. Bemüht darum, die grauen Echsen am Leben zu halten. Noch für das kleinste zuckende Flämmchen, das letzte Glimmen eines erlöschenden Lichtleins wird alles getan.

Ehrfurcht vor dem Leben

Am frühen Abend gehe ich auf die Besucherempore der Kapelle, und finde mich Aug in Aug mit dem Erlöser wieder. Neben mir ein Weihwasserbecken, unter mir der Altar. An langen Seilen hängen zylinderförmige Lampen und erleuchten mit mattem Schein die schlichten Holzbänke, auf denen die Bräute Jesu während der Heiligen Messe Platz nehmen.
Durch die Bleiglasfenster gegenüber sickert milchiges Tageslicht. Draußen ist die Welt.
Aus der Sakristei klingen gedämpft die Stimmen der Ordensschwestern herauf.
Ich sehe meinen Großvater im Talar vor mir.
Ungezählte Male hat die Erde sich seit seinem Tod gedreht, und sie tut es verlässlich weiter, die dicke blaue Spindel.

Der vollbärtige Professor läuft mit ausgestreckten Armen auf mich zu und streicht mit dem Handrücken zärtlich über meine Wange, als wäre ich sein liebes Nichtchen.
Wenn wir nichts finden, sind Sie bald wieder Zuhause.
* * *

Der Oberarzt, der nächste Woche die OP vornehmen wird, sitzt auf meiner Bettkante und erklärt und malt auf.
Gerade erst aus der weißen Milch aufgetaucht, staune ich über seine blauen Augen.
Später kommt einer mit dem Sonografiegerät und legt seine schlanken, eleganten Hände auf meinen Bauch. Kein Druckschmerz.
Er erklärt mir die Nierenfunktion, die Kelche, das Becken, die Darstellungsweise des Ultraschalls.
Eine Zyste, nichts Schlimmes.
Auch er hat blaue Augen, ein markantes Gesicht und ein selbstbewusstes Lächeln.
In Plauderlaune erzählt er mir interessante Geschichten aus dem Reich der Urologie.
Einmal ist ein Kranführer bei ihm vorstellig geworden. Jeden Morgen war der Arbeiter die sechzig Meter bis zu seiner Kabine nach oben gestiegen, und erst am Abend die Leiter im Turminneren wieder herab geklettert. Durch den ständigen Harnverhalt war seine Blase über die Jahre auf das unglaubliche Volumen von 4 Litern angewachsen, und in der Folge der Mann inkontinent, niereninsuffizient und dialysepflichtig geworden.
Vier Liter! Groß, wie ein Fußball!
Ich dachte immer, die haben eine Flasche zur Hand, oder erleichtern sich gleich auf die Baustelle herunter“ sage ich.
Dieser nicht. Hätte er mal.“
Wir lachen.
Zum Abschied reicht er mir die Hand und drückt fest zu.
Montag, wir sehen uns Montag wieder. Schönes Wochenende, und kommen Sie nüchtern, bitte.“
Sie auch,“ antworte ich und er freut sich über meinen schlechten Scherz.

Schön hier

17. September 2014 § 11 Kommentare

 

20140917_161544Lecker Kontrastmittel Getränke20140917_134910Schöne Dachterrasse 20140917_113739Zimmerservice 20140916_114202Entspannung20140916_113009Geborgenheit

Zerstört

15. September 2014 § 27 Kommentare

20140915_163520Da glaubt man, ein alter Hase zu sein: abgebrüht, mit allen Wassern gewaschen, abgestumpft, schmerzfrei.
Und dann spaziere ich nach einem langen Gang durch die Stadt heimwärts und will den Mann durch die ruhigeren Straßen Berlins lotsen, weil er in seiner beschaulichen Alsterstadt derartig imperialen Lärm, geschweige denn 4-Stunden-Märsche nicht gewohnt ist.
Komm, lass uns über den Acker gehen.“
Sage es, biege um die Ecke und stehe vor diesem großen Schild:

PATRIZIA
HIER ENTSTEHEN NEUE WERTE
Wohneigentum in Mitte.

Und nicht nur ich bleibe stehen und schaue und kann die aufsteigenden Tränen kaum niederkämpfen. Auch zwei alte Frauen, die auf ihren Hollandrädern die gewohnte Abkürzung über diese letzte große Brache, das letzte Stück Mauerstreifen im Kiez nehmen, stehen dort und schauen und sind fassungslos und wie betäubt.
Hier nun auch. Wir wussten es. Die ganze Zeit.
Als sie anfingen sämtliche Freiflächen hinter der Bundesdruckerei und Richtung Engelbecken mit großmäuligem Fertigteilprotz (Villa Fellini) oder seelenloser Krisenarchitektur, fast ausnahmslos hochpreisiges Eigentum, versteht sich, zuzubauen, ein Haus schlimmer als das andere, da wussten wir, dass es eines Tages auch unseren Acker treffen würde. Diesen Ort des Wildwuchses, der seit dem Fall der Mauer in einem Dornröschenschlaf lag und von uns gerne zum Spazierengehen und Verweilen genutzt wurde.
Die Essigbäume, die Hagebuttensträucher, die Wildrosen, die Akazien, der Kastanienhain, der Walnussbaum, der kleine Kugelahorn, der sich an die benachbarte große Silberpappel schmiegt, die riesige Wiese mit Weißdorn, Rauke, Goldrute, Disteln, Gräsern, Korn, Winden und zahllosen Wildblumen und Kräutern, der schattige Hohlweg, die Schmetterlinge, der Fuchs, das Käuzchen, die vielen Vogelarten und Insekten, all das wird in wenigen Wochen Vergangenheit sein, und das tut so weh, dass es mir beinahe den Atem raubt.
Die ersten Bäume, zur Straße hin, sind bereits gefällt, das Unkraut zum Gehweg gemäht, hier und da neonfarbene Markierungen vorgenommen. Das Gelände ist vermessen und vorbereitet für die Erschließung.
Wie ein Faustschlag trifft es mich, und so fröhlich, wie ich eben noch plapperte, so traurig und verstummt bin ich mit einem Mal.
Nein, es ist nicht der Regenwald, der da gerodet und auch kein Naturschutzgebiet, das platt gemacht wird. Nicht mein Geburtshaus, noch ein besonderes Kulturzeugnis. Es ist doch nur dieses zugewucherte Stück Mauerstreifen. Die letzte lebendige Erinnerung an das was war. Das Nowhereland. Die zirpende Insel. Der Ort zwischen gestern und heute. Das Verbindungsstück zwischen zwei Welten und Zeiten, die sich  voneinander abgekoppelt haben und auseinander triften wie zwei Kontinente. Mehr ist es nicht. Für mich aber ist es ein Stück Heimat, das da zerstört wird.
Und für was? “Neue Werte” in Form von Privateigentum natürlich.
Es ist zum Heulen.


Kommentare werden möglicherweise mit Verspätung freigeschaltet, sind aber, wie immer willkommen.
Bin mal für ein paar Tage stationär.

Spuren

12. September 2014 § 2 Kommentare

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