Die Prophetin

15. April 2014 § 20 Kommentare

April is the cruelest month, breeding
lilacs out of the dead land, mixing
memory and desire, stirring
dull roots with spring rain.

T.S.Eliot, The Waste Land
 
Mein Kopf ist merkwürdig leer. Ein angenehmer Zustand.
Ich habe der Welt nichts zu sagen, und die Welt mir nicht.
Wir sind einfach so da.
Die Sonne scheint vom rein gewaschenen Aprilhimmel, draußen ist es kühl und windig.
Der Hund schnaubt und niest vor Wohlgefühl, die Ohren fliegen nach hinten, die dunkle Nase glänzt feucht.

April, der Monat, in dem die schnell ziehenden, auseinander triftenden Wolkengebirge sich in den großen Pfützen spiegeln bis Hagelkörner sie zerschlagen und große Regentropfen sie blasig davon schwemmen.
Noch ist es trocken, nur der Wind kräuselt kühl die Oberfläche.

Mir ist so leicht ums Herz, so ungebunden und frei.

Ein Tag, an dem man in einen Zug steigen möchte, den erstbesten, einen mit kyrillischen Buchstaben auf den Flanken, vielleicht. Ohne Gepäck.

Fahren, bis es dunkel ist, die Beine übereinander geschlagen, einen Tee im Speisewagen nehmen, und irgendwann in einer weit entfernten Stadt wieder aussteigen. Eine unbekannte Sprache hören. Reiseklänge. Gelbes Licht.
Mit dem Fuß auf dem Bahnsteig beginnt das neue Leben in diesem fremden Land.

Eine Hafenstadt, zwischen Abchasien und Adscharien, irgendwo auf dem Balkon Europas.
Ein eigenes Alphabet für die neuen Worte, mit denen ich eine Muschel forme.
Glatt innen, außen gerieft.

Einen anderen Namen werde ich tragen. Martha oder Sibylle.

 

 

Wenn ich mit dem Nichts verkehre

13. April 2014 § 59 Kommentare

Brecht_Unterschrift

 

 

An R.

Geh ich zeitig in die Leere
Komm ich aus der Leere voll.
Wenn ich mit dem Nichts verkehre
Weiß ich wieder, was ich soll.

Wenn ich liebe, wenn ich fühle
Ist es eben auch Verschleiß
Aber dann, in der Kühle
Werd ich wieder heiß.
Bertolt Brecht,
(aus den Buckower Elegien, 1953)

vermutl. 1950

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Katastrophenchronik

12. April 2014 § 23 Kommentare

Bläuliche Flammen

In dieser Nacht sah ich ein Kind,
Das lachte mich an.
Es hat das Lachen in dieser Nacht
Mir wohlgetan.
Über die Heide wogten
Große bläuliche Flammen.
Die haben den Himmel ganz hell gemacht,
Dazu hat das Kind noch viel mehr gelacht.
Wir lachten beide zusammen
Über die bläulichen Flammen.
 
Paul Scheerbart, 1871
Gasherd

Gasherd (Photo credit: JanHofmann)

Immer wenn ich von Flugzeugunglücken höre, denke ich an unseren Rückflug von La Habana und die 10.000 Meter die die Boeing über dem Bermuda-Dreieck in freiem Fall stürzte, bis sie sich auf 2.000 Metern Höhe fing und die Fluganzeige sich, zusammen mit der Bordbeleuchtung, wieder einschaltete.
Im dunklen Passagierraum herrschte, abgesehen von den berstenden Geräuschen der Tragflächen, den aufspringenden Gepäckablagen und dem kurzen  Aufschluchzen einer Passagierin, während des gesamten Sturzes Stille. Niemand sprach, keiner schrie.
Es roch nach Angst und Erbrochenem.

Immer, wenn ich von Geisterfahren höre, denke ich an den ersten Kuchen, den ich je gebacken habe, und den ich dem Geburtstagskind in sein kleines fränkisches Dorf bringen wollte, als mir auf der A7 in einer Linkskurve ein Fahrzeug entgegenkommt.
Der Kuchen führte allseits zu gerührten Seufzern, so jämmerlich sah er aus.

Immer, wenn ich die Sirenen der Feuerwehr höre, denke ich mein Haus brennt.  So, wie vor 10 Jahren, als der Mieter über mir seinen Mitbewohnern einen Denkzettel verpassen wollte, der sich zu einem flammenden Inferno verselbständigte und mich für ein paar Monate wohnungslos machte.

Immer, wenn ich an einem Ibis-Hotel vorbei komme, denke ich daran, dass ich dort, zusammen mit meiner kranken Katze, die Wochen nach dem Hausbrand verbringen musste. Wie sich später herausstellte, war der Brandstifter nicht versichert, und die Hotelkosten blieben an mir hängen.
Beim Ibis-Hotel denke ich aber auch an den Feuerwehreinsatz, der mich während meines Aufenthaltes dort aus dem Schlaf riss, weil ein Hotelgast im Stockwerk unter mir gezündelt hatte.
Dann fällt mir noch der Besuch bei meiner Schwester, und der Brand im Erdgeschoss ihres Hauses kurze Zeit später ein, sowie die Fahrt nach Bad Muskau bald darauf, als der Motor meines alten Wagens Feuer fing.
Des weiteren erinnert mich dies an den Brand in meiner Küche, ausgelöst durch die Katze, die mit ihren Pfoten den Herd angeschaltet hatte und so eine Kerze, die gleich daneben abgestellt war zum Schmelzen brachte, was zu einer unglaublichen Stichflamme führte, als das Wachs die heisse Herdplatte erreichte.
Natürlich bringt mich das wiederum zu dem Feuer im Hausflur, als Kinder den Sperrmüll anzündeten, der dort abgestellt war und jenem Brand im Keller unter meiner damaligen Neuköllner Erdgeschosswohnung, als die Feuerwehr mit Gasmasken bei mir anklopft und mich evakuieren will.
Vom Kabelbrand in der Bordküche auf dem Hinflug nach La Habana sei hier besser geschwiegen.

Unverschuldet rein, unversehrt raus.

Außer einer ausgeprägten Flugangst, einer übermäßigen Spinnenphobie und der Gewissheit unzerstörbar zu sein, sind mir keine bleibenden Schäden geblieben.

 

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Glück

11. April 2014 § 2 Kommentare

Kaninchen

Kaninchen (Photo credit: Alois Staudacher)

Ich bin vier oder fünf Jahre alt und stehe neben meiner Kindergärtnerin.
Der Rauch ihrer Zigarette gesellt sich zu dem kondensierten Atem der grau-gewandeten Diakonisse Anna, mit der sie scherzend plaudert.
Im Hintergrund höre ich die Kinder lachen und rufen. Sie schippen Sand in die bunten Förmchen.
Ich trage ein rot-beiges Fischgrätmäntelchen mit einem aufgesetzten Kragen aus Kaninchenfell, das sich weich und duftend an meinen Hals schmiegt.
Den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen halb geschlossen, blinzele ich in den tiefblauen Winterhimmel. Das Licht bricht sich regenbogenfarben auf meinen Wimpern, und die Sonne wärmt mein Gesicht.
Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchflutet meinen Körper.

 

 

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Borderline. Die Grenzgängerin.

8. April 2014 § 55 Kommentare

Deutsch: Borderline, 2010

(Photo credit: Wikipedia)

Oft stand sie, die Arme vor der Brust verschränkt, am Fenster und blickte über die Schrebergartenkolonien hinweg nach Süden, wo sich die verwaschene Linie des Spessart in der Ferne blau abzeichnete.
Sie drehte sich nicht um, und bewegte sich auch nicht, sondern blieb stumm dort stehen, wenn ich nach Hause kam und vorsichtig über die knarrende Küchenschwelle trat. Keine Regung. Es schien, als würde sie nicht einmal atmen, und ich versuchte heraus zu finden in welcher Stimmung sie sich befand und wie ich mich verhalten musste.
Die verschränkten Arme waren ein erster Hinweis, aber das konnte täuschen. Auch ihr Schweigen war kein gutes Zeichen. Andererseits gab es Tage, an denen dies auf eine, für sie größtmögliche, Friedfertigkeit und Entspanntheit hindeutete.
Entscheidend war die Schulterpartie, die Haltung ihres Kopfes und die des Beckens.
Waren die Schultern nach oben gezogen, der Kopf gerade aufgerichtet, und trat unter ihren, zum Zopf gebundenen, dunklen Haaren die Längsmuskulatur des Halses deutlich hervor, war Vorsicht geboten.
Hingen die Schultern aber nach unten, wirkten die Muskeln unter ihrer enganliegenden Bluse weich und entspannt, war der Kopf vielleicht sogar ein wenig zur Seite geneigt und das Becken nach vorne gekippt, dann musste ich mir keine Sorgen machen.
Es waren dies wichtige Beobachtungen, und abhängig von meiner Einschätzung wählte ich den Ton, die Lautstärke und die Worte, mit denen ich sie begrüßte.
An manchen Tagen hing das Unheil so sichtbar im Raum, wie die Schwaden ihres erkalteten Zigarettenrauches, so dass ich mich ohne Gruß umdrehte und auf leisen Sohlen nach oben in mein Zimmer schlich, wo ich die Türe verriegelte, mich unter meinen Schreibtisch setzte und auf die Rückkehr meiner Geschwister, oder das Erwachen meines Vaters aus dem Mittagsschlaf wartete. Die Zeit dort vertrieb ich mir mit Kopfrechnen.

Kleines und großes Einmaleins, Multiplikation, Division, Addition und Subtraktion.

An anderen Tagen begrüßte ich sie fröhlich, und hoffte auf die ansteckende Wirkung meines Tonfalles.
Mitunter war es ratsam mit möglichst monotoner Stimme zu ihr zu sprechen, die ich je nach Bedarf in Richtung Resignation oder Gleichgültigkeit modulierte.
Auch eine traurige Sprachmelodie konnte hilfreich sein, um etwaige Wutanfälle von vorne herein zu verhindern oder abzumildern. Manchmal allerdings erweckte der Habitus des Opfers erst recht ihren Zorn, weil sie entweder die Taktik erkannte, die sich dahinter zu verbergen versuchte, oder aber die Anklage verstand, die die gespielte Unterwürfigkeit gegen sie erhob.
Am unbehaglichsten fühlte ich mich, wenn sie sich nach meinem Eintreten langsam umdrehte und mit versteinerter Miene und zurück genommener Stimme zu mir sprach. In diesen Momenten war alles möglich, und sie verfügte über ein breit gefächertes Repertoire an Rollen und ein ebenso umfangreiches Instrumentarium an Werkzeugen, mit denen sie mich mit wenigen Sätzen und Blicken jeden Tag auf´s neue vernichten konnte.
Beunruhigt war ich auch dann, wenn ich in ein übermäßig stark geschminktes Gesicht, mit schwarzem Lidschatten und dunkel getuschten Wimpern blickte, aus dem mich ihre schmalen, hellrosa übermalten Lippen merkwürdig euphorisch anschielten. Ein fast untrügliches Zeichen dafür, dass sie getrunken hatte.
Hallo, Katerlieschen“, sagte sie dann mit kieksender Stimme und ging einen Schritt auf mich zu „hast du Hunger?“
Es war mir unheimlich, wenn sie so zu mir sprach, und etwas zog sich in mir zusammen. Nur mit Mühe konnte ich meinen Unwillen gegenüber dieser, allein dem Alkohol geschuldeten, verbalen Zärtlichkeit verbergen, von der ich wusste, dass sie jeden Augenblick in rasende Wut und blinde Gewalt umschlagen konnte.
“Hallo Mama”, antwortete ich dann so liebevoll ich konnte und horchte meinen Worten hinterher, die flach und ohne Leben meinen Körper verließen. Aus irgendeinem Grunde erinnerte mich der Hall meiner eigenen Stimme in dem hohen Raum an die schmucklose Kirche, in der ich konfirmiert worden, und deren hölzerne Empore der Ort eines jahrelang wiederkehrenden Alptraumes war.
“Was gibt es denn zu essen”, tat ich interessiert und trat vorsichtshalber einen Schritt zurück.
“Setz dich”, antwortete sie und nahm einen Teller aus dem Schrank. Jetzt erst sah ich, dass ihre linke Hand verbunden war und große Teile der Mullbinde, die sie um Zeigefinger und Ringfinger gewickelt hatte, von dunkelrotem Blut durchtränkt waren. Umständlich zog sie den Backofen auf, in dem sie das Mittagessen warm gehalten hatte, und klatschte es mit betont unbeholfenen Bewegungen auf meinen Teller.
“Nicht so viel, bitte!”
Zu spät. Sie stellte einen mit Fleisch, Gemüse, Kartoffeln und dunkler Sauce überladenen Teller geräuschvoll auf den Tisch, legte Besteck daneben, leckte den Daumen der verbundenen Hand ab und lehnte sich dann an die lange Arbeitsplatte in meinem Rücken. Ich hörte, wie sie sich eine Zigarette anzündete und spürte ihre Blicke, die jede meiner Bewegungen registrierten.
Das Essen schmeckte nach Mondamin, und das Fleisch war zäh, so dass ich Mühe hatte es zu zerkauen. Noch größere Schwierigkeiten bereitete es mir im Anschluss die trockenen Brocken herunter zu schlucken. Es war mir nicht erlaubt beim Essen zu trinken, und so wie die Dinge standen, wagte ich nicht mich über diese Regel hinweg zu setzen. Ich wusste, dass sie in einem labilen Zustand war, und dass schon die leiseste Unmutsbekundung meinerseits einen ungezügelten Zornes- oder Tränenausbruch nach sich ziehen konnte.
Ich wusste auch, dass ich mich nach ihrer Hand erkundigenen musste, aber ich konnte nicht. Mehrmals legte ich die Worte zurecht, sagte sie mir innerlich auf, wählte den passenden Tonfall, ein erstauntes Bedauern, und bereitete meine Gesichtsmuskeln auf den Ausdruck betroffenen Mitgefühls vor. Dabei wusste ich, dass ich den richtigen Moment längst verpasst hatte. Der Zug war abgefahren. Ich hätte gleich fragen müssen, anstatt zu schweigen und dadurch die Idee aufkommen zu lassen es würde mich nicht interessieren, was ihr passiert war.
Aber ich hatte Angst, und ich ekelte mich vor ihr, wie sie betrunken und übermäßig geschminkt auf hohen Absätzen in ihrem hautengen Rock und der noch engeren Bluse steckte, die ihre großen Brüste besonders hervor hob. Jeder Satz, jede Frage konnte das Gemisch zum Explodieren bringen, und sie selbst hätte am wenigsten einschätzen oder benennen können, was mit ihr los war.
Schweigend aß ich weiter. Vielleicht sollte ich wenigstens das Essen loben und sie vorsichtig darauf vorbereiten, dass ich nicht die ganze Portion schaffen würde. Ich hörte, wie sie den Schrank über der Spüle öffnete. Ein leises Klirren. Sie stellte den Wasserhahn an, aber ich wusste auch so, dass sie jetzt einen großen Schluck aus ihrem Glas nahm. Noch einmal klirrte es, die Schranktür wurde geschlossen und plötzlich stand sie neben mir und hielt mir ihre Hand vor das Gesicht.
“Ist beim Fleisch schneiden passiert”,  erklärte sie. Ihre Stimme klang weinerlich und ich roch ihre Fahne. Rotwein.
Vor meinem inneren Auge sah ich dicke Blutstropfen auf die Schweinelende herunter fallen, sie mit verklebten Fingern weiter daran herum hantieren und das blutige Fleisch schließlich in einer Pfanne scharf anbraten .
Mein Magen hob sich. Ich legte das Besteck zur Seite und schaute auf ihre Hand.
Das sieht ja schlimm aus. Tut es noch sehr weh?“
Ja, es puckert.“ Sie freute sich über meine Frage.
Heute Abend bekommen wir Besuch“, sagte sie, du musst mir helfen die Haare zu waschen.“
Eine Weigerung kam nicht in Frage. Nicht in diesem Zustand.
Ja, klar.“
Ich stand auf und ließ meinen halbvollen Teller auf dem Küchentisch stehen. Zusammen gingen wir ins Bad, wo sie sich vor die Wanne kniete, und ihren schweren Kopf über den Rand hängte. Ich setzte mich dazu, wartete bis das Wasser warm war, und ließ es vorsichtig über ihr feines Haar laufen. Sie stöhnte behaglich auf. Dann gab ich Shampoo auf meine Hand und massierte ihre Kopfhaut. Wieder stöhnte sie und drückte ihren Kopf in meine Hände, wie eine rollige Katze. Nach dem Ausspülen frottierte ich ihre Haare, was sie zu weiterem Stöhnen und leisem Juchzen veranlasste. Als sie sich schließlich föhnte, ging ich in die Küche, warf mein Essen in den Mülleimer, nahm ihr Glas und die angebrochene Flasche Rotwein aus dem Schrank und kippte alles in den Ausguss.

Dann ging ich nach oben in mein Zimmer, wo ich mich unter den Tisch setzte und rechnete.

Das Schillern des Ostens

8. April 2014 § 7 Kommentare

SAMSUNGSAMSUNG

SAMSUNGGespräche, Heitere Programme, Ausstellungen

Körperfresser und Tinnitus

6. April 2014 § 59 Kommentare

 

SAMSUNGGentrifizierung!
Will das überhaupt noch jemand hören?
Denkt nicht jeder: ach, die schon wieder! Alles verändert sich. So ist das eben. Und in New York, Frankfurt oder München ist es viel schlimmer, da brauchen wir uns gar nicht aufzuregen.

Tue ich aber. Ich rege mich auf. Nicht spezifisch dieses Mal, sondern allgemein. Und nicht immer, aber wiederkehrend. Es gibt einen Grundton, ein Störgeräusch, das Kreischen des sozialen Tinnitus, das sich in die Melodie meines Lebens eingeschlichen hat und mehr und mehr alle anderen Noten übertönt, so wie ein Presslufthammer das Jubeln einer Klarinette.

Ich rege mich auf, wenn ich die Immobilienangebote von Ziegert Immobilien, Wilkanowski und anderen via Mail geschickt bekomme, und dort „Stuck & Co“ direkt am Görlitzer Park für teuer Geld angeboten wird.  Ja, es ist nichts Neues: mein Kiez wird an die Höchstbietenden verscherbelt, die dann als Erstes eine Standleitung zum Ordnungsamt herstellen und alles, was ihnen zu laut, zu schmutzig, zu Kreuzberg erscheint kaputtdisziplinieren und wegstrafen lassen.
Nach den Verdrängten, den ehemaligen Mietern, die nicht das nötige Kleingeld auf Tasche haben, um ihr Zuhause mit Geldsäcken zu verbarrikadieren, oder die nicht das Glück haben als ehemaliger Triple-Agent mit dem Oberbürgermeister Schampus schlürfen zu dürfen, fragt ja niemand.
Ich ertappe mich immer häufiger dabei, dass ich ganze Straßenzüge in meinem Viertel meide. Schnell durch, nicht nach links und rechts schauen. Es tut so weh.

Die Markthalle beispielsweise betrete ich nicht mehr, seit die Röhrenhosenträger und die bedruckten Stoffbeutelhäschen die Luft mit ihrem verrokokotetem Shabby-Stumpfsinn unatembar gemacht haben. Ich kann sie schlicht nicht sehen, die aufgeblasenen Visagen, in deren Augen sich nichts regt, als das mechanische Rotieren ihrer auf Konsum drehenden Festplatte. Dass ein 750 g Roggenbrot (bio, na und) 4,30 € kostet kommt erschwerend hinzu. Das kann ich mir nicht leisten. Und ich will es auch nicht. Andere kleine Bioläden schaffen es auch, das Kilo Brot gewinnbringend für 3,20 € unter die Leute zu bringen.

Szenig, anspruchsvoll und immer teurer.

Wenn ich an einem Frühlingstag wie diesem das Haus verlasse, treffe ich nur selten noch auf alte Kreuzbergerinnen und Kreuzberger. Menschen, die wie ich vor langer Zeit hierher gezogen sind, weil sie den Kiez mitsamt seiner Einwohnerstruktur genau so mochten wie er war, und nicht wie er sein könnte, wenn man erst mal alle raus gemobbt und den neuen Spielplatz entsprechend seiner Bedürfnisse angepasst hat.
Wie Gitti und Heinz auf Malle.
Wann immer wir uns in den Straßen von Kreuzberg zufällig treffen, freuen wir uns.
T. aus dem Trinkteufel, A. vom Elefanten, M. aus der Madonna, oder T. vom Franziskaner.
Ach, wie schön, dich gibt es noch!
Der zweite oder dritte Satz gilt meist schon der Veränderung unseres Viertels. Wer gekommen ist, wer gehen musste, welche Kneipen und kleinen Läden verschwunden sind, dass Michael Stipe mehrfach gesichtet wurde, was die aktuelle Miete kostet, welche Häuser von Investoren aufgekauft wurden, wo ein neues Dachgeschoss mit Glaskuppel aufgesetzt wird. Welche Wohnwagen, Locations oder Supermärkte den Flammen zum Opfer gefallen sind, und wer davon profitiert.

Ein neues Hotel entsteht an der Westseite des Oranienplatzes. Ein Münchener hat das alte Kaufhaus Maassen gekauft, und möchte dort, für Jeden erschwingliche, Zimmer anbieten. Ab 110 € die Nacht.
So ist das. 110 € werden inzwischen als preiswert erachtet.
Ich könnte mir einen Ausflug in meinen eigenen Stadtteil nicht leisten.

Aber noch wohne ich hier, und fühle mich mehr und mehr an den genialen Science-Fiction-Thriller von 1978 Die Körperfresser kommen mit Donald Sutherland und Jeff Goldblum erinnert, in dem Investoren Invasoren die Bewohner San Franciscos durch seelenlose Duplikate austauschen, während die Originale zu Staub zerfallen und von der Müllabfuhr entsorgt werden.
Nach und nach werden so fast alle Menschen ersetzt. Die Verbliebenen assimilieren so gut sie können, werden aber dennoch von den Ausgetauschten, den Körperfressern entdeckt, die Ihresgleichen mit einem schrillen Signalruf und mit ausgestrecktem Arm auf die unerwünschten Relikte menschlichen Daseins aufmerksam machen.
Die Jagd hat begonnen, und sie wird erst enden, wenn alle Bewohner der Stadt ausgelöscht sind.
Zu weit hergeholt die Assoziation?
Mir egal.
Mein Blog, mein Kiez, mein Schmerz.

 

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