Blind

24. April 2014 § 13 Kommentare

“You were the eyes of a blind man”

(I. J.)

Journal 8 Okt 2013 - auf Schwarz

Journal 8 Okt 2013 – auf Schwarz (Photo credit: Ines Seidel)

Ich war vierenhalb Jahre alt, als mein Bruder einen Stein in mein linkes Auge schoss, und ich schreiend in dem kleinen, dunklen Hof hinter dem Haus umfiel und um Hilfe rief.
Ich war blind.

Später saß ich auf dem Perserteppich in dem riesigen Wohnzimmer.
Um mich herum war dunkle Nacht.
Ich fühlte die Schritte meiner Mutter auf dem Boden, noch ehe ich sie hören konnte.
Meine Geschwister spielten irgendwo in meiner Nähe. Sie kochten Buchstabensuppe auf dem Puppenherd, es klapperte hier und da, mein kleiner Bruder lachte, und meine Schwester sprach in dem betulichem Ton einer besorgten Mutter, als sie ihm zum Füttern ein Lätzchen umband. Der Geruch von Brühe stieg mir in die Nase.
Ich legte den Kopf in den Nacken und rieb meine Augen mit beiden Fäusten, bis es hinter der Stirn blitzte und ein rotes Adergeflecht in meinem Kopf aufleuchtete. Doch sobald ich damit aufhörte wurde es wieder Nacht.
Mein linkes Auge war mit einem großen, runden Pflaster zugeklebt, das rechte starrte in tiefste Dunkelheit.
Kein Bild, kein Lichtstrahl fand den Weg nach Innen, und ich lauschte auf die Geräusche im Haus und die Schritte meines Vaters auf der Treppe.
Wenn ich hörte, wie er mit großen Sätzen, zwei Stufen auf einmal nehmend nach oben gelaufen kam, freute ich mich. Noch ehe er meine Mutter begrüßte, kam er schon zu mir ins Wohnzimmer und sprach mich an.
Kannst du mich sehen?“
Nein!“
Es raschelte, und ich wusste, dass er jetzt die Stablampe zwischen den Papieren aus der Brusttasche seines Kittels fischte. Seine warme Hand hielt mein Kinn fest, und ich spürte seinen Atem dicht vor mir. Er roch nach Zigarre.
Siehst du das Licht?“
Bin ich jetzt blind?“
Das wird wieder“, sagte er mit fester Stimme. Dann setzte er sich an den Esstisch, und nach dem Mittagessen legte er sich hin. Ich blieb auf dem Boden hocken und wartete auf den Abend, wenn wir alle ins Bett gehen und die Augen schließen würden. In meinen Träumen war alles, wie ich es kannte. Hell und bunt.

Das erste Bild, an das ich mich wieder erinnere, ist das freundliche Gesicht meines Vaters, das sich mir von oben nähert und mich anschaut. Die schwarzen Haare, die dunkle Brille. Ganz kurz nur sah ich ihn, dann war er wieder verschwunden. Ich lachte vor Freude und er lachte laut mit. Ein tiefes Glück und Vertrauen breiteten sich in mir aus.

Wie lange das so ging, weiss ich nicht mehr, aber immer häufiger ließ mein blindes Auge einzelne Bilder, oder besser Bruchstücke meiner Umwelt hinein. Ein bunter Ball, ein Teller, die Stablampe, die roten Haare meiner Schwester, der verschmierte Mund meines Bruders. Sie erschienen mir wie einzeln angeleuchtet und auf eine schwarze Wand geworfen. Alles um sie herum blieb dunkel.
Irgendwann dann, öffnete sich ganz plötzlich für eine Sekunde ein großes Tor nach außen. Sehr kurz nur.
Gleißendes Licht strömte hinein und blendete mich. Ich schloss die Augen.

Über die Zeit blieben die Bilder länger, und ich gewöhnte mich an die immer wieder unerwartet einbrechende Helligkeit. Die Zeit der Klänge war vorbei. Ich war nicht mehr allein auf Töne und Geräusche angewiesen. Die Welt, wie ich sie kannte, kehrte zurück zu mir.
Nach einigen Wochen, während derer mein sehendes Auge weiterhin zugeklebt war, konnte ich mich wieder alleine orientieren, alleine zur Toilette gehen, mir Bilderbücher anschauen und spielen.
Bald durfte ich auch zurück zu meinen Freunden in den Kindergarten.

Noch ein paar Wochen später fuhr mein Vater mit mir nach Köln in die Augenklinik. Dort sollte ein weiterer Arzt einen Blick auf mich werfen. Man war sehr zufrieden mit der Entwicklung meines Auges.
Nachdem die Untersuchungen abgeschlossen waren, nahm mein Vater mich an die Hand und ging mit mir zur Domplatte. Es war ein sonniger Tag, und wir aßen Eis. Irgendwo in der Innenstadt kaufte er mir einen rot-weissen, aufziehbaren Plastikwal mit beweglicher Schwanzflosse, den ich Zuhause mit in die Badewanne nehmen würdee.

Als wir zum Auto kamen, dämmerte es bereits, und bald darauf wurde es dunkel.
Mein Vater trug seine schwarze Sonnenbrille, eine andere hatte er nicht dabei.
Ich saß auf der Rückbank hinter ihm, zog meinen Wal auf, ließ ihn mit der Flosse klappern und fing dann von vorne an.
Kurz nach Köln waren wir auf die Autobahn gefahren, bereits bei der ersten Abfahrt verließen wir sie schon wieder und tuckerten mit dem alten Renault die Landstraße entlang. Mein Vater fühlte sich dort sicherer.

Das nächste woran ich mich erinnere ist, dass ich zwischen Rückbank und Vordersitz eingeklemmt auf dem Boden des Fahrzeuges liege und mein Vater meinen Namen ruft. Dann kommt er nach hinten, öffnet die Tür, befreit mich vorsichtig aus meiner Lage und setzt mich vorne auf den Beifahrersitz.
Mit aufwendigen Manövern und aufheulendem Motor rangiert er den Wagen fluchend aus dem Graben und wir setzen unsere Fahrt durch die Dunkelheit fort.
Er erzählt mir von seiner Nachtblindheit und den Schwierigkeiten, die er mit der schwarzen Gläsern hat, den unmarkierten Straßenrand zu erkennen.
Den Rest der Fahrt halte auch ich die Augen offen.

Kokon

22. April 2014 § 15 Kommentare

Zons im Nebel

Zons im Nebel (Photo credit: Wikipedia)

Im Augenblick des Absendens einer Mail, an der ich länger gesessen hatte, weil ich jedes Wort, das ich hinzufügte sehr genau wog und prüfte, ehe ich es niederschrieb, schaltet sich gestern plötzlich mein Handy, das ich über USB-Kabel am Laptop lud, überraschend aus.

Als ich es wieder einschalte, ist der 1. Januar 2000, 2:39 h.
Das Jahrtausend hat gerade begonnen, und mit ihm erreicht mich die sms einer Freundin aus jener Zeit, die ich durch den grundsätzlich anderen Weg, den unser Leben damals nahm, aus den Augen verloren hatte.
Sie möchte wissen, ob meine Nummer noch stimmt, und ob ich zu Ostern in Frankfurt war um den Geburtstag meines Vaters zu feiern.
Zwanzigster April. Daran erinnert sie sich.

Die Vorstellung, noch einmal das neue Jahrtausend zu beginnen gefiel mir, und die Nacht über, als ich wieder einmal nach Schlaf suchte und ihn nicht fand, fragte ich mich, ob gleich der Silvesterabend 1999 symptomatisch für das Jahrzehnt war, das ihm folgen sollte.
Ich verbrachte diesen Tag, damals noch ohne Hund, in einem kleinen fränkischen Dorf mit einer bewegten Geschichte, die ihm sogar ein Schloss mit einem Barockflügel von Balthasar Neumann bescherte.
Es war wie ein milder Nachmittag im November. Nebel hüllte den Wald und die Felder, die das Haus umgaben in Stille, und wir blickten durch die große Glasfront in das milchige Nichts, das das scheidende Jahrtausend bemäntelte, und dem kommenden den Weg verschleierte.
Eine trübe Wasserwand. Stehende Gischt.
Meine Murmel*
Beim Rauchen auf der höher gelegenen Terrasse, eingewickelt in eine weiche Decke, fühlte ich mich wie in einem kühlen Kokon in dem das Leben stehen geblieben war.
Es war ein helles, ein schönes Gefühl.
Eine Sekunde Stillstand im Weltenlauf.
Die dunkle Trommel drehte sich nicht, die Scholle stand einsam und ich auf ihr, in diesen Stunden des Abschieds von dem Jahrhundert meiner Geburt.
fin de siècle
Drinnen flackerte der Kamin.
Wir aßen, wie meist, mit den Tellern auf den Knien vor dem Feuer, und schauten den Flammen zu, die an den knisternden Holzscheiten leckten, ihre Oberfläche aufbrachen und sie Stück für Stück in lichtgraue Asche verwandelten, zu der wir beständig neue Scheite legten.
Um Mitternacht hörte man das dumpfe Grollen von Böllern, irgendwo weit entfernt, hinter dem Waldstück bei Sömmersdorf. Draußen blieb es dunkel.
Das Feuer prasselte und züngelte, wir schauten uns an, zuckten mit den Schultern und waren erstaunt, wie leicht und still die Geburt eines neuen Jahrtausend über die Bühne gegangen war.
Gegen halb drei morgens gingen wir ins Bett.
Auf der Rückfahrt schien die Sonne über grauen Orten, und der Zug schlängelte sich durch eine Landschaft, die die Gleiche war wie immer, auch wenn die Zeit aus den Bergen Hügel gemacht hatte.
Der Nebel sollte mich für die nächsten neun Jahre begleiten.

Musik zum Text: Liaisons Dangereuses, Mystère dans le brouillard

 

*meine Murmel

Enhanced by Zemanta

Gefangene

21. April 2014 § 15 Kommentare

Gartenzwerg

Gartenzwerg (Photo credit: Karl Schönswetter)

Meine Großeltern lebten in Diedenbergen.
Von Frankfurt aus ein Katzensprung über die A3 in den Vordertaunus.
Ich war Schneewittchen. Meine Mutter tot. Die Stiefmutter ein Dämon.

Ebenholz, Schnee Blut

Zwerge waren Teil meiner Welt.
Freundliche Wesen, die im Wurzelgeflecht der großen Bäume lebten und auf einer Zauberflöte spielten, oder mit Spaten und Eimern unterirdische Gänge anlegten.

An einem Sommerabend saß ich im Filmriss und schaute mir Twin Peaks an.
Ich kann mich nur an die Atmosphäre, nicht an die Handlung des Filmes erinnern. Wohl aber an den tanzenden und rückwärts sprechenden Zwerg im Warteraum der Schwarzen Hütte, in dem sich das ganze Unheil, das dort herauf beschworen wurde zu einem flackernden Alptraum verdichtete.
Ich wollte das Lokal verlassen, doch der Ausgang war von der heruntergelassenen Leinwand blockiert.
Das Feuer einer unachtsam entsorgten Kippe hätte uns alle töten können.
Mein Herz schlug fest. Ich atmete flach, legte das Kinn auf die Brust und blickte nach innen.
So verbrachte ich den Rest der Vorstellung.
Als endlich das Licht im Raum anging, und die ersten sich von ihren Stühlen erhoben, stand eine der beiden Frauen, die mit uns am Tisch gesessen hatten auf, drückte ihre Hände mit weit abgewinkelten Ellbogen gegen die Ohren und brachte aus dem tiefsten Inneren einen markerschütternden, gellenden Schrei hervor.
Ihre Augen waren fest geschlossen, sämtliche Gesichtsmuskeln verkrampft.
Sie schrie und schrie und schrie, während ihre Freundin bleich neben ihr stand, ihr die Hand auf den Rücken legte und merkwürdig unbeteiligt an mir vorbei ins Nichts starrte. Ganz so, als kennte sie diese Art des emotionalen Ausbruchs, und wüsste, dass sie das Ende desselben tatenlos abwarten musste. Möglicherweise war sie von dem dem munch´schen Grauen ebenso überfordert, wie wir alle im Raum, und wusste, sowenig wie wir, wie sie ihrer Geliebten beispringen konnte.
Ich erschrak über die ausweglose Verzweiflung in dem furchtbaren Schrei der Frau, über ihr verzerrtes Gesicht, und über den Stupor, das vollständige Erstarren ihrer Freundin.
Draußen vor der Tür, es war noch immer hell und sehr warm, hörte das innere Zittern, das mich ergriffen hatte nicht auf, und später in der Dunkelheit betrank ich mich bei den Ratten an der Spree, bis der Morgen kam, und ich im staubigen Mon Bijou Park rücklings auf dem Rasen lag, die Arme um den Kopf geschlungen und weinte.

Bei den Großeltern selbst ging es sachlich und aufgeräumt zu, wie überhaupt meine Familie sich nicht weiter mit übertriebener Herzlichkeit oder Überschwang aufhielt.
Wenn wir bei ihnen zu Gast waren wurde gegessen und verdaut.

Lende, Kartoffeln, Buttererbsen, Windbeutel, Kuchen, Sahne, Eis

In den Pausen zwischen den Mahlzeiten rauchten oder dösten die Erwachsenen auf den Liegestüheln oder in der Hollywoodschaukel, und wir Kinder spielten in dem weitläufigen Garten, mit der großen Rasenfläche und den gepflegten Blumenrabatten.
Am südlichen Ende der Wiese befand sich ein, von hohen Büschen flankierter Zwinger. Drei Meter hoch, 20 qm Bodenfläche.
Dort lebte Blacky, ein deutscher Schäferhund, den meine Großeltern von einem Polizisten hatten abrichten lassen, und der durch das Training so gefährlich geworden war, dass er tagsüber weg gesperrt werden musste, und nachts das Anwesen und seine Anwohner vor möglichen Angreifern schützte. Nur meine Großmutter durfte ihn anfassen, sein Käfig war immer verriegelt.
Wenn wir uns Blackys Zwinger näherten, und dabei versehentlich eine unsichtbare Grenze überschritten, sprang der massige Hund, der stets in Lauerstellung zu sein schien auf, grollte aus tiefster Kehle, und warf sich mit entfesselter Kraft gegen die Gitterstäbe, dass es schepperte und die Scharniere der Käfigtür ächzten. Zu voller Größe aufgerichtet stand er, mit dicht angelegten Ohren auf seinen Hinterbeinen, drückte die Schnauze gegen das Gitter, und zeigte seine mörderischen Zähne unter hochgezogenen Lefzen.
Wir blickten uns in die Augen. In meine Furcht mischte sich Mitgefühl.

Familienfeier

21. April 2014 § 2 Kommentare

Foto Kopie 2v.l.n.r: Vater , Tante, Bruder, icke

Ostern

20. April 2014 § 24 Kommentare

SAMSUNG SAMSUNG SAMSUNGFoto

Erschüttert

17. April 2014 § 88 Kommentare

Ich schreibe diese Zeilen nach einer schlaflosen Nacht und unter dem Eindruck eines, bzw. mehrerer sehr unangenehmer Erlebnisse, die ich mit diesem Internet in letzter Zeit gemacht habe.
Man könnte sagen, dass ich unter Schock stehe.

Die Gründe dafür möchte ich nicht im Detail ausbreiten.
Ihr wisst alle: hier kann jeder mitlesen, und schnell kann das, was man vielleicht unbedacht geäußert hat, zu einem Bumerang werden, der einem Verwünschungen, Hasstiraden und sogar Todeswünsche in den virtuellen Postkasten spült.
Ein freundlicher Kommentar auf dem eigenen Blog kann Gräben aufbrechen, von denen ich nicht einmal geahnt habe, dass sie existieren.

Im Moment bin ich noch nicht sicher, ob ich mein Blog weiter führen möchte, wie ich überhaupt noch nicht einmal weiss, wie es mir geht.
Gut jedenfalls nicht. Eher schlecht, würde ich sagen.

Die Menschen, die einem im Internet begegnen sind oft nicht das, was sie vorgeben zu sein.
Das wissen wir, und das ist solange in Ordnung, wie sie einfach nur die Möglichkeiten zum Rollenspiel und zur Maskerade nutzen, so wie es in diesem Blog gerade in letzter Zeit vorkam, und woran ich viel Spaß hatte.
Dafür ist es doch (unter anderem) auch da, dieses Netz.

Wenn es aber anfängt das Vertrauen von Menschen zu erodieren, wenn man das Spiel zu weit treibt, wenn plötzlich sogar persönliche Informationen im Netz auftauchen, die niemand hier wissen kann, wenn fremde Menschen einem idiotische Mails schreiben, in denen sie über andere fremde Menschen herziehen, wenn einer gar ein ganzes Blog betreibt in dem er sich fast täglich auf die Texte eines anderen einen runter holt, wenn dieses Blog einem wie ein Schatten folgt, wenn Menschen die gefälschten Identitäten missbrauchen um die, rein virtuellen aber unter Umständen doch recht vertraulichen Begegnungen mit anderen auszuschlachten, und gar Bücher darüber zu schreiben, dann ist das Vertrauen weg.
Auf Kommentare, die mir vorhalten, dass ich naiv bin, wie ich auf die Idee komme man könne hier irgend jemandem vertrauen usw. kann ich verzichten.
Ich behalte mir vor zu zensieren und zu löschen, wenn meine persönliche Grenze überschritten wird. Überhaupt werde ich pöbelnde Äußerungen hier weiterhin nicht freischalten.

Es ist mein Wohnzimmer, und ich lasse mir nicht auf den Teppich pinkeln.
Ihr müsst das nicht alles verstehen, was ich hier schreibe.
Ich wollte es trotzdem gesagt haben.
Diejenigen, die es angeht, die Verrückten, die Verräter und die Trolle, werden wissen, dass sie gemeint sind.
Im Innersten muss ich dieses tiefe Misstrauen schon viel früher empfunden haben, und instinktiv wie unbewusst nähere persönliche Kontakte, also jene, die im „richtigen Leben“ statt finden gemieden haben.
Darüber bin ich heute froh, denn sonst würde das, was sich abgespielt hat mir den Boden unter den Füßen wegreissen.
So bin ich einfach nur zutiest erschüttert, und froh darüber, dass ich jeden Moment den Stecker ziehen kann.
Abschließend eine ernst gemeinte Warnung:
Wer sich mir noch einmal unangemessen nähert und mir den Tod wünscht, mich beschimpft oder verflucht, muss mit einer Anzeige rechnen, die dann vielleicht im Nichts versandet, aber wenigstens die Identität der Person ans Tageslicht bringt.

Frohe Ostern.

P.S.: Und ehe das große Grübeln anfängt- in den Kommentarspalten findet sich kein Hinweis auf das was passiert ist, und die hier regelmäßig Kommentierenden sind ausdrücklich nicht gemeint oder angesprochen.

Die Prophetin

15. April 2014 § 20 Kommentare

April is the cruelest month, breeding
lilacs out of the dead land, mixing
memory and desire, stirring
dull roots with spring rain.

T.S.Eliot, The Waste Land
 
Mein Kopf ist merkwürdig leer. Ein angenehmer Zustand.
Ich habe der Welt nichts zu sagen, und die Welt mir nicht.
Wir sind einfach so da.
Die Sonne scheint vom rein gewaschenen Aprilhimmel, draußen ist es kühl und windig.
Der Hund schnaubt und niest vor Wohlgefühl, die Ohren fliegen nach hinten, die dunkle Nase glänzt feucht.

April, der Monat, in dem die schnell ziehenden, auseinander triftenden Wolkengebirge sich in den großen Pfützen spiegeln bis Hagelkörner sie zerschlagen und dicke Regentropfen sie blasig davon schwemmen.
Noch ist es trocken, nur der Wind kräuselt kühl die Oberfläche.

Mir ist so leicht ums Herz, so ungebunden und frei.

Ein Tag, an dem man in einen Zug steigen möchte, den erstbesten, einen mit kyrillischen Buchstaben auf den Flanken, vielleicht. Ohne Gepäck.

Fahren, bis es dunkel ist, die Beine übereinander geschlagen, einen Tee im Speisewagen nehmen, und irgendwann in einer weit entfernten Stadt wieder aussteigen. Eine unbekannte Sprache hören. Reiseklänge. Gelbes Licht.
Mit dem Fuß auf dem Bahnsteig beginnt das neue Leben in diesem fremden Land.

Eine Hafenstadt, zwischen Abchasien und Adscharien, irgendwo auf dem Balkon Europas.
Ein eigenes Alphabet für die neuen Worte, mit denen ich eine Muschel forme.
Glatt innen, außen gerieft.

Einen anderen Namen werde ich tragen. Martha oder Sibylle.

 

 

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 156 Followern an