Guadeloupe, oder Ein Jahresrückblick

22. Oktober 2014 § Ein Kommentar

20140923_172810Silvester am 17. Juni, steht auf den Plakaten, die für die alljährliche Jahresendparty am Brandenburger Tor werben, und wie in jedem Jahr entlocken mir die beiden Datumsnennungen für dieses besondere Ereignis ein kleines Lächeln.
Beide Daten spielen übrigens in meinem persönlichen Kalender, beziehungsweise für meine Freizeitplanung keinerlei Rolle: Silvester gibt mir grundsätzlich nichts, und seit der 3. Oktober den 17. Juni als Tag der Deutschen Einheit abgelöst hat, ist letzterer auch nichts mehr, als ein ganz normaler Arbeitstag, sowie der Ort (Location) für die größten Massenbesäufnisse Deutschlands.
Mein persönliches Jahresende wird dieses Jahr bereits am 4. November erreicht sein, wenn der Wind von Norden weht und mit der Kälte die Wärme kommt.
Dann bin ich durch mit 2014, dem Jahr, das mich so durchgeschüttelt hat, wie nur wenige zuvor in meinem Leben.
Mir reicht es. Ich habe genug.
Fing der Januar mit einer kleinen Erkältung an, in deren Verlauf mir die beiden Jahresmotti zufielen, denen ich bis heute treu geblieben bin und auch in Zukunft treu bleiben werde, so verliefen der Februar und März zwar nicht gerade ereignislos, ließen mich aber nicht einmal erahnen was noch auf mich zukommen sollte.
Im April nahm ich einen ganz besonderen und für mich sehr wertvollen Faden auf, der mich schon ein kleines Weilchen begleitet hatte, und begann ihn lose und ohne Vorsatz, aber mit großer Sorgfalt und Vorsicht in meinen Lebensteppich ein zu weben. Den Mai verbrachte ich zwischen Vergangenheit und Gegenwart, brach zur Elbe auf, landete an der Oder, reiste ans Meer und lauschte der Tempelglocke, sprach in die Muschel und horchte auf das Echo. Diese Reisen und Ausflüge setzte ich bis zu einer Operation am 17. Juni (ausgerechnet) fort, die zwar mehrere Stunden dauerte, aber komplikationslos verlief und mir berauschende Erlebnisse zwischen Propofol und Diazepam bescherte.
Im Juli dann reiste ich ins Allgäu und später nach Franken, wo ich die Nächte mit Nietzsche verbrachte, und meine Wunden im Sommerglück und im Kreise meiner Freunde verheilen ließ.
Im August dann wurde es metaphysisch und physisch zugleich, und im September gingen wir zusammen auf den Dortheenstädtischen Friedhof und wurden beim Betreten mit einem sachten Windstoß empfangen, der das gelbe Laub eines Akazienzweiges auf uns herabwehen ließ, wie Blütenregen. Ich sagte dir welche Musik ihr zu meiner Beerdigung spielen sollt, du zeigtest mir die Gräber von Hegel und Fichte. Wir entdeckten kleine Kaninchenfutterstellen unter verholzten Koniferen.
Die Spiegelungen gegen Monatsende zogen einen Eingriff nach sich, dessen schlamperte Durchführung mir die kommenden 2 Wochen zur Hölle machten, bis ich schließlich aus ganz anderem Grunde und völlig überraschend am 5. Oktober zu Boden ging aber glücklicherweise wieder auf die Füße gebracht wurde. Ewiger Dank der Berliner Feuerwehr!
Nun neigt auch dieser Monat sich seinem Ende zu, und die dunkle Zeit beginnt.
Ich bin noch immer schwach und sehr erschöpft, aber auch glücklich und freue mich an dem besonderen Webmuster und der Beschaffenheit meines Lebensteppichs.
Für 2014 habe ich sämtliche Energie verbraucht. Die verbleibende Zeit bis zum Jahreswechsel werde ich im Interim verbringen, von wo ich der geneigten Leserschaft weiter berichten werde.
Das Jahresmotto für 2015 indes, steht schon heute fest. Es wird zugleich die Inschrift auf meinem Grabstein sein. Irgendwann.

Vertragt Euch.

Der Schlachter

20. Oktober 2014 § 20 Kommentare

20141008_080159Die schwarze Limousine, in die ich steige, ist ein englisches Taxi.
Der Innenraum des Wagens ist überraschend groß. Wie ein Schulbus.
Wir sind 40 Frauen, die auf den langen Bänken sitzen, die in Fahrtrichtung vor den Fenstern montiert sind. Von der Fahrerkabine sind wir durch eine Glasscheibe getrennt.
Es ist Nacht, und wir fahren durch einsame Vorstadtstraßen.
Der Fahrer hält an und kommt in den Fahrgastraum. Er beginnt die Frauen mit einem Küchenmesser abzuschlachten, eine nach der anderen. Sie wehren sich nicht, Alles ist voller Blut, und ich merke erst jetzt, dass der Bus innen vollkommen weiss gefliest ist, wie ein Schlachthaus.
Auf unerklärliche Weise gelingt es mir zu fliehen und unter dem Wagen zu verstecken, der am Straßenrand geparkt und hell erleuchtet ist. Jeder könnte sehen, was dort geschieht. Aber es ist niemand da.
Ich habe Todesangst.

Zuhause dann, stelle ich fest, dass ich mit dem Mann zusammen lebe. Er ist ein Neurologe und Psychiater.
Wir stehen in meiner Küche, als er eine Handvoll kleinerer Knochen und Knorpel neben die Spüle legt. Er hat kräftige, dicke Finger. An den Knochen hängen noch blutige Fleischreste. Die Knorpelstücke entpuppen sich als ein paar Ohren.
Ich halte den Atem an, weil ich weiß, dass er anhand der Knochen und der Ohren feststellen kann, dass ihm eine der Frauen entwischt ist, und dass ich das bin. Ich weiß, dass er mich dann töten wird.
Ich stehe hinter ihm und schaue ihm zu, wie er die Knochen in der Hand dreht, und von allen Seiten prüfend betrachtet. Dann legt er die Ohren nebeneinander auf die Arbeitsplatte. Ich erschrecke, als ich erkenne, dass es zwei linke Ohren sind, die nicht von einem Menschen stammen können. Gleich wird er merken, dass ich ihm entkommen bin.
Er schaut die Ohren an, lächelt, und nickt zufrieden.
Dieses Mal habe ich Glück gehabt.

Staying alive

16. Oktober 2014 § 48 Kommentare

300px-Ascent_of_the_Blessed

(Der Weg zum Himmel, Hieronymus Bosch. Foto: Wikipedia)

Als ich wieder zu mir komme, blicke ich in seine grünen Augen und sehe dann, wie er sich mit beiden Händen an meinem Oberkörper zu schaffen macht.
Mein BH ist nach oben gezogen, ich liege auf dem Boden. Als er sieht, dass ich wach bin, hört er auf, beugt sich über mich und schaut mich ernst an. Ich fange an zu weinen. Da streichelt er mein Gesicht und sagt meinen Namen.

Ein milder, sonniger Oktobertag. Wir packen alles zusammen für einen langen Hundespaziergang. Plötzlich wird mir schwindlig. Ausgerechnet jetzt.
Sofort holt K. einen Beutel mit Eiswürfeln aus dem Gefrierschrank, den ich mir fest gegen die Halsschlagader drücke. Das hilft meistens, dieses Mal aber nicht.
Nach fünf Minuten rufen wir die 112 und warten auf den Notarzt, der mir die Spritze geben wird. Ich hoffe, dass es schnell geht und wir endlich loskommen, um sechs wird es schon dunkel.
Zuerst treffen die Sanitäter von der Feuerwache ein, bald darauf der Arzt.
Alles ist wie immer: Bluse öffnen, Elektroden anlegen, Herzmonitor anschließen. Der Puls ist arhythmisch und liegt zwischen 240 und 260 Schlägen pro Minute.
AV-Reentry-Tachykardie, erkläre ich dem Arzt, während dieser versucht einen Zugang zu legen, aber keine passende Vene findet. Wir scherzen ein wenig herum, bis er es beim vierten Anlauf schafft, und dann die Spritze aufzieht. Ajmalin soll es sein, nicht Adenosin, bitte ich ihn, das vertrage ich nicht so gut.
Inzwischen bin ich ein wenig erschöpft und werde immer kurzatmiger. Einer der Sanitäter stellt sich neben mich und legt mir die Hand auf die Schulter. Nicht mehr lange. Durchhalten!
Der Arzt steckt die Spritze in den Venenkatheter und drückt durch. Im selben Augenblick schmecke ich das Zeug schon auf der Zunge und mir wird schlagartig elend.
Das kommt vor, beruhigt er mich und schaut konzentriert auf den Monitor.
Der Sanitäter, der neben mir steht, tritt jetzt hinter mich und hält mit beiden Händen meinen Kopf fest.
Mir geht es immer schlechter, sage ich und merke, wie ich panisch werde, so war das noch nie.
Ein bisschen Geduld, da tut sich was. Gleich.
Wir starren auf den Bildschirm, der auf dem Küchentisch steht und warten, dass die ungeordneten Ausschläge sich in einen geregelten Sinusrhythmus verwandeln werden.
Ich merke, wie sich alles zu drehen anfängt, es flackert, mir wird schwarz vor Augen.
Ich kippe um, rufe ich und halte mich mit beiden Händen an der Tischkante fest. Hilfe!

Schau mich an, sagt er. Seine Blick ist fest auf mich gerichtet. Ich kann nicht. Die Lider wollen zufallen, es flimmert in den Augenwinkeln, der glitzernde See mit dem raschelnden Schilf verschwindet. Ich möchte bleiben.
Kathe, schau mich an. Seine Stimme ist ruhig, die Augen ernst, er hat Falten auf der Stirn.
Ich will etwas sagen, aber die Lippen bleiben geschlossen. Er greift in mein Gesicht und nimmt etwas weg.
Wie viele Katzen hast du?
Ich schüttele den Kopf, ohne ihn zu bewegen. Ich muss mich konzentrieren, um nicht nach hinten zu fallen, ins Dunkle. Atmen. Ganz vorsichtig. Geradeaus schauen. In die Augen. Mich festhalten an seinem Blick. Sonst sterbe ich.

Der See und das Schilf. Licht. Das Glitzern. Es ist ganz warm. Und ruhig.

Ich habe geträumt, flüstere ich und schaue nach oben. Ich liege in meiner Küche. Über mir ist der Türrahmen. Um mich herum stehen große Männer mit schweren Schuhen. Mein Brustkorb schmerzt. Der Mann mit den grünen Augen kniet neben mir und schaut mich an.
Was hast du geträumt, fragt er.
Nicht mehr sprechen, sagt eine strenge Stimme im Hintergrund. Es ist der Arzt. Ich erinnere mich.
Ich muss ohnmächtig gewesen sein. Die Männer sind die Sanitäter. Auf dem Tisch piept der Herzmonitor.
Ich war am See. Es war Sommer. Da war Schilf. Es war schön.
Du musst dir den Traum merken,
sagt der Mann mit den Augen und hört nicht auf, mich mit seinem Blick festzuhalten.
Die Luft ist so zäh und schwer. Mir ist schlecht. Ich würge und höre, wie Töle an der Badezimmertür kratzt.
Der Hund!
Ich kümmere mich um den Hund
, sagt K. Sie ist auch noch da. Das ist gut.
Als sie mich auf der Liege aus dem Haus schieben, blicke ich in die Häuserschlucht und den Himmel darüber. Niemand ist auf der Straße.
Im Krankenwagen schnallen sie mich fest und hängen den Infusionsbeutel über mir auf.
Durch das geöffnete Fenster kommt ein kühler Luftstoß und streift meine Wange. Das ist schön.
Mir ist immer noch übel.
Das kommt vom Blutdruck, der ist 50 zu 30, sagt der Arzt.
So niedrig?
Niedrig?,
wiederholt er und lacht kurz auf. Das geht schon wieder. Sie hatten gar keinen mehr.

Mit Blaulicht fahren sie mich ins Vivantes Klinikum am Friedrichshain.

Deutsche Ordnung

3. Oktober 2014 § 9 Kommentare

20141002_174351 Wenn Deutsche feiern, bereiten sie sich gründlich vor.

So alive

2. Oktober 2014 § 6 Kommentare

English: Jellyfish in the New England Aquarium...

Milchig steht der Nebel in den Straßen. Es ist tiefe Nacht.
Eine unbestimmte Ahnung. Ich kann nichts erkennen, bremse ab, blinke und überhole langsam.
Durch das Beifahrerfenster sehe ich einen bärtigen, schwarz gekleideten Mann im Rollstuhl.
Beide Beine hochgelagert, auf dem Schoß ein großer, dampfender Suppentopf.
Ich lasse die Scheibe herunter und spreche ihn an.
Er hat es nicht mehr weit
Ich begleite ihn bis zu seinem Ziel.

Er weiß, dass er lebt.

Bitte einfahren

1. Oktober 2014 § 15 Kommentare

Rotating brushes inside a conveyor car-wash.

Seit ich aus der Klinik entlassen wurde schaue ich mir auf Youtube Filmchen von Autowaschstraßen an.
Sie beruhigen mich und korrespondieren mit meinem inneren Zustand.
Gischt, Schaum, schnell rotierende, vertikal aufgehängte Riesenbürsten, die von beiden Seiten heran gewalzt kommen, mich bedrängen, schließlich ganz umfassen und abschrubben, bis mir schwindelig wird.
Düsen, Heißwachs, Atem anhalten. Das große Gebläse, erstickender Dampf und dann der verstörende und zugleich einlullende Abschluss: lange, schmale Velourslappen, die von oben herab baumeln, von links nach rechts schlenkern, wie die Rüssel angriffslustiger Elefanten, dabei an meiner feuchten Haut hängen bleiben, während ich auf der Waschstraße ruckelnd in sie hinein geschoben werde, sich dort formgetreu an mich schmiegen und durch meine stete Vorwärtsbewegung seitlich an mir herunter rutschen und schließlich fallen, wie der leblose Arm eines Schlafenden.

Vor mir wird es heller: die Ausfahrt. Gleich bin ich draußen.

The Bad Doctors

27. September 2014 § 44 Kommentare

JAMES-ENSOR-THE-BAD-DOCTORS(James Ensor, The Bad Doctors. Photo via Biblioklept)

Ein Alptraum liegt hinter mir, ein weiterer vor mir, und hätte nicht irgendein kluger Mensch Schmerzmittel erfunden, wäre das Ganze noch unerfreulicher.
Kann wahrscheinlich passieren. Ist halt Pech. Gehöre ich eben zu den 5 Prozent, bei denen das schief läuft.
Ist ja nicht so, dass mir Katastrophen in der persönlichen Vita unbekannt wären.
Was da weh tut ist nur der Schmerz.

Trotzdem hätte der operierende Chirurg mich vielleicht besser nicht mit Fieber und erhöhten Entzündungswerten nach Hause schicken sollen, und möglicherweise wäre es gut gewesen wenigstens einen kurzen Blick auf die Wunde zu werfen irgendwann in diesen Tagen in der Klinik, oder zumindest vor der Entlassung. Dann hätte man nämlich sehen können, dass…
Hätte, hätte.
Stattdessen Gebete aus dem Lautsprecher, heilloses Gefrömmel und der gnadenlose Druck der Fallpauschale.

Ja, bin schlecht drauf und außerdem sehr, sehr wütend.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 204 Followern an