Attrappe

29. August 2014 § 6 Kommentare

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Ein Mann, mit dem ich in meiner Jugend in mancher Nacht das Lager teilte, und der sehr viel älter war als ich, schenkte mir eines Tages die Memoiren von Katharina der Großen. Der Namensverwandtschaft wegen. Als Widmung schrieb er mir, mit einer klaren, schnörkellosen, dabei aber doch eitlen und einstudierten Handschrift, die gut zu seinem möchtegern-existentialistischen Auftreten im immerschwarzen Rollkragenpullover, mit Dreitagebart und lackschwarzem, wildem Haar passte, folgendes hinein, und traf dabei genau mein Lebensgefühl zu jener Zeit:

“Warum nur sind wir in allem so begrenzt, außer in der Fähigkeit zu leiden?”

So war das damals. Alles tat ständig weh, und immer gleich uferlos und nicht enden wollend.
Liebe zerstörte, Trennung zerstörte, Familie zerstörte und Schule quälte.
Selbst das Glück schmerzte, weil die Vorahnung seiner Endlichkeit nagte und jedes Vertrauen schon im Keim erstickte.
Alles ging vorbei, worauf und worüber sollte ich mich da freuen. Der Zauber des Anfangs wurde übertönt vom Lärmen seines bevorstehenden Endes.
Gegen die Schule, die Familie, die Liebe und den Kummer halfen nur Drogen und Sucht.
Das Extrem. Der Turbo in Allem. Exzess, Ausschweifung. Alarm.
Wollust, Völlerei, Überfluss. Maßlosigkeit. Viel von allem und von allem zuviel.

Aber war es nur das?
Hielt mich dieses ständige Leiden, das mich schon als Kind dazu brachte solange an meinen Zähnen herum zu reissen, bis ich sie endlich ziehen konnte,
das mich dazu verführte die Fingerspitzen an die rotierende Scheibe der elektrischen Brotschneidemaschine zu halten, bis die erste Hautschicht durchschnitten und feine Bluttropfen aus der brennenden Wunde hervortraten,
das mich so tief und lange am herumgereichten Joint saugen ließ, bis eine Atemlähmung eintrat, und ich nur durch feste Schläge auf den Rücken wieder nach Luft japsen konnte,
das mich mit LSD und Pilzen experimentieren ließ, bis die Wahnzusände mich überall hin verfolgten,
das mich Männern in die Arme trieb, die mir nicht gut taten,
das mich Aids nicht als Bedrohung sondern als Herausforderung verstehen ließ,
das dafür sorgte, dass ich Unmengen an Essen in mich hineinstopfte, bis mein Körper es wieder von sich gab,
das mich aber auch hungern ließ, bis ich vor Kraftlosigkeit beinahe zusammenbrach,
hielt mich eben dieses zerstörerische Leiden, das so offensichtlich danach strebte sich selbst zu perpetuieren, hielt mich genau das nicht auch am Leben und brachte mich mir näher?
Hätte ich mich denn überhaupt anders fühlen können als im Fressen, Kotzen, Hungern, Kiffen, Vögeln und Saufen? Als im Schmerz, der mir zeigte, dass ich lebte, und warmes Blut durch meine Adern floß und aus meinen Wunden perlte.
Der volle Magen, die Lungenschmerzen, sich kaum noch rühren können nach tagelangen Orgien, betrunken sein, bis nur noch Erbrechen half.
Ritzen, Beissen, Selbstverletzung. Gefahr.
Und hielt das Leiden mich nicht gleichzeitig ab von einem Leben, das in der Zukunft beginnen und mir endlich das grenzenlose Glück bringen würde, nach dem ich mich sehnte?
Was ich damals nicht wusste: es war alles da. Inmitten des stinkenden Unrates war der Tisch gedeckt.
Ich hätte dort Platz nehmen und der Musik lauschen, satt werden, lachen, mich freuen können.
Wenn ich es gekonnt hätte.
Aber der Schmerz war zu groß. Kein Blatt zwischen mir und der Welt. Alles war scharf, spitz und kantig. Und tat weh.

 

Statisten

28. August 2014 § Ein Kommentar

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Ulrika Segerberg, Statisten

Als Freundin U. mir ihre Homepage zeigt, ist es vor allem ein Bild, ein kleines Ölgemälde, etwa 45 auf 35 cm, das mir ins Auge fällt und etwas in mir anrührt. Eine Erinnerung, die weit in der Vergangenheit liegt.
Ich war etwa fünf Jahre alt, als ich mich entschloss es meiner Schwester gleich zu tun und Ballettunterricht zu nehmen. Das einzige Ziel, das ich dabei vor Augen hatte, war der Besitz und das Tragen von Spitzenschuhen, möglichst goldfarbenen, mit denen ich elfengleich durch die Gegend tänzeln, Pirouetten drehen, und zwischendurch immer mal einen Spagat hinlegen würde. Zudem arbeitete ich daran Handstand, Kopfstand, Radschlagen und Flickflack zu erlernen. Letzteres mit sehr mäßigen Erfolg.
Wie ein Gummiball springen, tanzen, turnen, sich bewegen ohne dabei wirklich voran zu kommen. Das gefiel mir.
Der Unterricht fand ein Mal wöchentlich in einem großen Saal mit Parkettboden und bodentiefen Spiegeln statt, vor denen wir uns aufzustellen hatten, um, eine Hand am Barre, zum taktgebenden Klavier, die fünf Fußpositionen einzustudieren, bis unsere kleinen Kinderbeine sie zur Perfektion beherrschten.

Erste Position, zweite Position, dritte Position und Plié!

Die Ballettlehrerin war eine hagere Frau Mitte Vierzig, mit starken Mimikfalten trotz ihres merkwürdig versteinerten Gesichtes. Wahrscheinlich hatte sie irgendwann in ihrer Jugend einmal viel gelacht, sich dann aber ganz der Disziplin und dem Tanz zugewandt, und für derlei Ablenkungen keine Zeit mehr gehabt. Sie trug die dunklen Haare streng zurück gekämmt und am Hinterkopf zu einem Knoten gebunden. Unter der schwarzen, engen Kleidung zeichneten sich die kleinen, harten Muskeln ab, ihre Bewegungen waren schreitend und abgezirkelt, wie die eines Dressurpferdes, die Stimme entschieden, und selbst ihr Lächeln, das sie nur selten zeigte, schien kühl und beinahe maskenhaft.
Obwohl ich ein wenig Angst vor ihr hatte, mochte ich sie doch. Sie faszinierte mich, und ich bewunderte und respektierte sie, denn sie war erwachsener, als alle Erwachsenen, die ich bis dahin getroffen hatte, und sie schien nicht nur auf Probe in der Welt zu sein, sondern genau zu wissen, wie sie mit dem Leben umzugehen hatte.
Der Unterricht selbst machte mir wenig Spaß. Zu anstrengend, zu langweilig, immer das Gleiche. Außerdem schien ich, trotz aller Bemühungen nicht voran zu kommen, denn auch, wenn ich dachte, ich hätte Fortschritte im Verdrehen und Biegen meiner Beine gemacht, stimmte die Arm- oder Rückenhaltung doch wieder nicht, der Kopf war schief, oder die Zunge hing mir bei voller Konzentration aus dem Mundwinkel, was sie mit besonders strengen Worten bedachte. Keine Anmut ohne Disziplin.
Ein ganzes Jahr lang unterwarf ich mich, Woche für Woche, ihren Anweisungen, dehnte, bog und beugte mich, bis sie uns eines Tages ankündigte, demnächst ein Stück mit uns aufführen zu wollen: Peter und der Wolf (von Sergei Prokofjew)
Der Weg zu den Spitzenschuhen, das wusste ich inzwischen, war lang und steinig, und vor Ablauf von drei Jahren konnte ich nicht damit rechnen mir ein Paar verdient zu haben. Aber einmal auf einer Bühne zu stehen, das war doch was.
Sie spielte uns die Musik vor und verteilte die Rollen an die älteren Tänzerinnen. Uns Kleinen sagte sie zu, dass auch wir in dem Stück unseren Auftritt haben würden, den sie beizeiten mit uns einstudieren wollte.
So kam es, dass ich an einem Spätnachmittag im Winter, zusammen mit meiner Schwester Betty, das Haus verließ, um uns zum Ort des großen Auftrittes zu begeben. Dort zogen wir uns grüne Strumpfhosen und ein grünes T-Shirt an, banden die Kopfbedeckung unter dem Kinn zu, und warteten darauf, dass die ersten Töne des Stückes erklingen, und wir, zusammen mit anderen Kindern, hinter dem Vorhang hervor kommen durften, um uns in zwei Reihen einander gegenüber zu stellen, die Arme nach oben zu strecken und uns die Hände zu reichen. Gemeinsam bildeten wir das lebende Spalier für den Star des Abends: Peter.
Nach einem ganzen Jahr der Disziplin, hatte ich es nicht weiter gebracht, als eine stumme Sonnenblume in Turnschläppchen spielen zu dürfen.

Nach der Vorstellung gab ich das Ballett vollständig auf.


Das Bild trug ursprünglich einen anderen Namen. Nachdem ich U. die Geschichte erzählt hatte, benannte sie es um in ´Statisten´

Bistro Universum

27. August 2014 § 2 Kommentare

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(Bildrechte: V.m.H.)

Eine Bank unter Platanen. Den langen Weg läufst Du zu mir hin. Deine Schritte auf staubigem Boden. Ich schlage die Augen nieder.
Lächeln. Blicke.
Gazing
Abendlicht und Zigarette.
Essen bei den Schwestern, im großen Saal.
Sonnenstrahlen brechen sich in den Wimpern, wie damals, im Kindergarten.
Du isst, ich stochere. Orecchiette mit Steinpilzen.
Ein paar Tische weiter die Vermieterin mit Schwiegersohn.
Smalltalk, warm werden.
Später spielt Tilda Swinton auf der Leinwand hinter den Fenstern zum Garten.

Unter Platanen sitzen wir. Du stellst den Kragen auf.
Dein Gesicht ist milchig weiss im Laternenschein.
Schweigend, die Augen ineinander versenkt, sind wir uns.
Du greifst nach meiner Hand.
Trocken und warm wie Schlangenhaut. Unsere Finger gleiten gegeneinander.

Deine Hände zeichnen meine Konturen nach.
Wir schauen uns an.
Wenige Meter entfernt rhythmische Bewegungen auf einer benachbarten Bank. Stöhnen.

Der Park liegt im Dunkeln.
Flaschensammler, Betrunkene, Hundebesitzer, Desperados.
Spätsommer.

Zusammen gehen wir zum Bus. Die Tauben schlafen stumm in ihrem Verschlag.
Das Tauthaus thront grau über dem Engelbecken.
Unter der Brücke schlafende Körper mit staubigen Habseligkeiten.

Im hellen Licht des Busses sehe ich Dich am Fenster sitzen.
Du hebst die Hand zum Abschied.

Der Himmel über Berlin (12)

26. August 2014 § 2 Kommentare

20140824_170341Sonntag auf dem Tempelhofer Feld, Regen über Schöneberg

Aftermath

25. August 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Aftermath

Ich suche Dich auf der Bank

bei den nächtlichen Platanen,

In meinen Knochen,

im Fell der Katze.

Konvektiver Niederschlag

24. August 2014 § 4 Kommentare

Bildschirmfoto 2014-08-24 um 13.17.40 Ich geh trotzdem raus. Denn glücklicherweise handelt es sich nicht um stratiformen, sondern nur um konvektiven Niederschlag-
-for heaven´s sake-
ist dieser flüssig mit einer Tröpfengröße von nur 0,6 bis 3 mm!

Mondsucht

21. August 2014 § 19 Kommentare

Deutsch: Jean-Baptiste-Siméon Chardin: Der Roc...

Deutsch: Jean-Baptiste-Siméon Chardin: Der Rochen, 1728 (Photo credit: Wikipedia)

Beim Zähneputzen schauen mich die dunklen Augen meiner Mutter an. In der Mundhöhle surrt ein wütender Hornissenschwarm. Müde sehe ich aus, und blass. Nicht krank werden.
Schwindel. Blutdruck. Mangelnder Schlaf. Nachts rätselhafte Nachrichten verfassen. Keine Erinnerung. Filmriss ohne Alk, nocturnes Sprachwandeln. Die andere Seite weiß es zu nehmen. (Flohr-Otis oder Jot Jot 1)
Meine Mutter wusste (ahnte) vielleicht mehr als alle. Ein Gedanke, wie ein Faustschlag.
Luft holen.
:Tierkinder, die totgebissen oder liegen gelassen werden. Verstoßen.
Vernachlässigung als instinkthafte Handlung.
Ich schalte die Ultraschallbürste aus. Der Schwarm schweigt.
Ihre Augen im Spiegel.

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